Als wir (italienisch) träumten

Roberta Gado

Roberta Gado

Freunde aus Reudnitz hatten Roberta Gado empfohlen, sich für folgende Frage an uns zu wenden: Was und wo war die „alte Rollerbahn“ im Leipziger Osten? „Ich übersetze gerade ‚Als wir träumten‘ ins Italienische“, erklärte sie und schob nach: „Bei der Rollerbahn konnte mir bisher kein Einheimischer helfen.“ Auf Anhieb wussten wir es auch nicht. Doch wir wussten, an wen wir die Frage weiterreichen konnten! Kurz darauf lagen die Antworten vor.

Harald (wortblende): „Für die Rollerbahn habe ich eigentlich nur eine im Auge und die war früher auf einem älteren Bunker gegenüber vom Stephaniplatz in Reudnitz, genauer gesagt zwischen Breitkopf- und Crusiusstraße. Heute ist da ein Spielplatz. Man konnte früher, glaube ich, Treppen zum Bunker hochsteigen, und oben war das Ganze eine Rollerbahn, mit Schräge zum Runterrollern.“

Jürgen: „Wobei Rollerbahn an sich sicher leicht übertrieben ist. Eigentlich war es nur eine geschwungene Rampe.“

Roberta Gado war begeistert. „Das ist super, Sie machen mir eine Freude! Ich weiß, wo der Ort ist, ganz in der Nähe vom Kino Regina. Grazie mille!“, schrieb sie aus der Alten Matratzenfabrik. Alte Matratzenfabrik? Wo soll die sein? Und: Eine Italienerin, die in Leipzig einen Clemens-Meyer-Roman in ihre Muttersprache übersetzt? Nun waren wir neugierig und wollten Fragen stellen.

Also trafen wir uns in Mölkau in der Albrechtshainer Straße 28. Google präsentiert das Gebäude mit historischem Schriftzug (Matratzen-Fabrik Alfred Hüttner), die Gegenwart leider ohne. Doch die Buchstaben sind noch da! Roberta Gado zeigte sie uns, gemeinsam legten wir sie auf dem Dachboden in die richtige Reihenfolge.

Heute gehen in der Fabrik (auf deren Gelände früher auch Metall gegossen und Senf produziert wurde) mehrere Tischler ihrem Tagewerk nach, unter anderem Roberta Gados Mann. Die zierliche Frau aus dem Piemont hatte ihn kennengelernt, als sie in Leipzig ein Praktikum bei seinem ehemaligen Meister Volker Bielitz absolvierte, und er, seit kurzem selbstständig, ihr eine Ausbildung zur Tischlerin in seiner Holzrestaurierungswerkstatt anbot. Sie wurde sein erster Lehrling (die Liebe nahm sich Zeit sowie einige Umwege). Damals, Ende der 1990er Jahre, so sagt sie, seien die Spuren der DDR im Straßenbild viel sichtbarer gewesen. In der Oststraße, in Reudnitz, in Mölkau …

Zurück in Italien las sie „Als wir träumten“ und bekam Sehnsucht. „Es war wie eine emotionale Reise nach Leipzig.“ Roberta Gado wollte wieder hierher, sie bemühte sich um die Übersetzungsrechte sowie darum, einen italienischen Verlag für das Buch zu finden. Als Clemens Meyer durch Preise prominent geworden war und dann noch der Film in die Kinos kam, gelang es ihr. Nun sitzt sie mit ihrem Berliner Kollegen Riccardo Cravero an der Übertragung.

In den Neunzigern, zur Zeit ihres ersten Aufenthalts in unserer Stadt, hatte Roberta Gado ebenfalls mit einem längeren Text zu tun – ihrer „tesi di laurea“ im Bereich Philosophie des Mittelalters. Für diese forschte sie zu einem deutschen Mönch, Theophilus, erlernte unsere Sprache und das Tischlerhandwerk.

„Aus praktischen Gründen“ wandte sie sich später Übersetzungen zu und entdeckte dabei ihre wahre Leidenschaft. Sie hatte zunächst Bedienungsanleitungen und Werbetexte auf dem Tisch und dann endlich Belletristik – mit Erfolg! Für ihre Arbeit bekam sie 2014 den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis für Literatur.

Die italienische Version von „Als wir träumten“ wird im Sommer 2016 bei Keller Editore in Rovereto erscheinen. Wie wird sie auf Italienisch heißen? „Das entscheidet man immer am Schluss. Im Moment steht ‚Quando sognavamo‘ über dem Manuskript, also die wortwörtliche Übersetzung des Originals. Aber wer weiß, was am Ende wird“, sagt Roberta Gado.

www.kellereditore.it

Nachtrag am 23.11.2016: Das Buch ist erschienen! Roberta Gado und Clemens Meyer stellten es am 18. November gemeinsam im Goethe-Institut in Rom vor. Der Titel lautet „Eravamo dei grandissimi“ („Wir waren die Größten“), wir lesen auf den Internetseiten des Verlags: „Daniel, Mark, Paul e Rico sono cresciuti come ‚pionieri‘ nella Germania dell’Est. Sono gli ultimi anni prima della caduta del Muro e sogni e illusioni sono amplificati dal mito dell’Ovest a portata di mano, tanto più dopo gli eventi dell’89. Con la Svolta – la riunificazione delle due Germanie – anche la loro vita cambia trasformandosi in una folle corsa fatta di furti d’auto, alcol, paura e rabbia …“

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