Von der Lochplatte zum Laster

Polyphon-Anzeige 1910, Phonographische Zeitschrift

Polyphon-Anzeige 1910, Phonographische Zeitschrift

(A.H.) Anknüpfend an unseren Beitrag „Autos aus der Kaserne“ soll hier an die Geschichte der Wahrener Polyphon-Werke erinnert werden. Die Keimzelle des bunten Potpourris mechanischer Schöpfungen für Augen und Ohren dieser Firma befand sich allerdings nicht in Wahren, sondern in der damaligen Musikautomaten-Hochburg Gohlis und wanderte dann über Eutritzsch, wenn man so will. Denn 1889 kündigten Gustav Adolph Brachhausen und Ernst Paul Rießner ihrem Arbeitgeber die Gefolgschaft und machten sich selbstständig.

Ihr Chef Paul Lochmann war in dieser Zeit mit seinen Lochmannschen Musikwerken in der Eisenacher Straße 68-72 auf Grund seines Patentes, Spieldosen mit konventionellen Stimmenkämmen mittels gelochter Blechscheiben zu betreiben, überaus erfolgreich. Mit dieser als „Symphonion“ betitelten Erfindung etablierte Paul Lochmann einen besonders in Leipzig von Erfolg gekrönten, neuen Industriezweig.

An diesem Boom wollten nun auch die Herren Brachhausen und Rießner anknüpfen, dafür wurden in Eutritzsch adäquate Gewerbegemächer auf dem Areal der heutigen Wittenberger Straße 60-62 bezogen. 1890 erschien das Lochplatten-Spielwerk „Polyphon“ zur Leipziger Herbstmesse, welches vermutlich das Original „Symphonion“ gnadenlos abgekupfert hatte. Was wiederum Paul Lochmann auf den Plan rief, er sorgte dafür, dass die beiden flüchtigen Mechanikusse ihr Produkt vom Markt nehmen mussten. Diese Schlappe konnte den Aufstieg des jungen Unternehmens jedoch nicht beeinträchtigen.

Vom erfolgreichen Schaffen in Eutritzsch zeugt unter anderem die mechanische Spieldose „Polyphon“, welche auf der Internationalen Ausstellung für Musik und Theaterwesen 1892 in Wien präsentiert wurde. In Musikautomaten, Standuhren und Kästchen verbaut, sei der Ton lieblich und doch ausgiebig, wie aus einem zeitgenössischen Bericht zu erfahren ist. Im selben Jahr profiliert sich Adolph Brachhausen als musikalischer Entwicklungshelfer in den USA und verlässt die Firma. Mit der Gründung der Regina Music Box Company in New Jersey legt er die Basis für die amerikanische Musikwerke- und später Grammophonindustrie.

Für den wachsenden Leipziger Betrieb wird 1893 in der Wahrener Linkelstraße 61 eine neue Fabrikationsstätte errichtet und bezogen. 1895 ging die Firma Brachhausen & Rießner in der neu gegründeten Polyphon Musikwerke AG auf. Bis zur Jahrhundertwende prosperierte die Gesellschaft in bemerkenswerter Weise, sie wuchs zum größten europäischen Hersteller von Plattenspieldosen und –Automaten heran. Über 780 Mitarbeiter waren damit beschäftigt, die mehr als 100 Patente und Gebrauchsmuster in klingende Münze umzusetzen, über 40.000 Instrumente verlassen das Werk pro Jahr Ende des 19. Jahrhunderts. Das rief selbst König Albert von Sachsen auf den Plan, 1896 besichtigte seine Majestät besagtes Etablissement. Im Jahr 1900 waren die Polyphon-Musikwerke zudem auf der Pariser Weltausstellung präsent.

Um die nach der Jahrhundertwende sinkenden Erlöse zu kompensieren, erweiterte man die Produktpalette u.a. mit Piano-Orchestrions, Grammophonen und Schreibmaschinen, wobei der 1908 vorgestellte Schießautomat „Weidmannsheil“ aus heutiger Sicht schon ins Kuriositäten-Kabinett gehört. Die Geschäftsleitung fasste 1904 gar den Entschluss, in die Automobilproduktion einzusteigen. Auftakt war das „Polymobil“, dieser Lizenzbau von Oldsmobile wurde 1906 präsentiert, ein Exemplar ist heute noch im Kulturhistorischen Museum in Wurzen zu bewundern. Für 5.000 Mark war der Wagen 1907 zu bekommen, heute wären das etwa um die 25.000 Euro, ein stolzes Sümmchen für 12 PS mit Segeltuchverdeck.

An der gelungenen Weiterentwicklung polyphonischer Benzinkutschen-Produkte hatte ab 1908 Oberingenieur Gustav Schürmann einen wesentlichen Anteil, er kreierte 1910 ein autarkes Fabrikat mit der Bezeichnung „Dux“. Namensgebend war die Opernsängerin Claire Dux. Steigende Verkaufszahlen machten eine Ausgliederung der Automobilabteilung notwendig, 1916 wurden die Dux-Automobil-Werke AG als selbständiges Unternehmen gegründet und baulich mit der Errichtung neuer Gebäude auf dem Gelände der benachbarten Linkelstraße 59 von den Polyphon-Musikwerken getrennt. Der geneigte Automobilist konnte zwischen PKW und Nutzfahrzeugen (für Nutzlast zwischen 1,5 und 5 Tonnen) auswählen, das Deutsche Heer wurde mit 3-Tonnen-Lastwagen und Sanitätsfahrzeugen beliefert.

Wie ging es mit Polyphon weiter? 1917 wurde vermutlich die Deutsche Grammophon AG erworben und der Firmensitz von Leipzig nach Berlin verlegt. Zumindest sind bis 1932 in den Leipziger Adressbüchern die Polyphon-Werke noch verzeichnet, ab 1933 wird die Deutsche Grammophon AG als Eigentümer für die Linkelstraße 61 angegeben. Aber nur fünf Jahre, denn 1937 wird die Deutsche Grammophon in Wahren aufgelöst. Schuld war das expandierende Radio, welches die Schallplatten- und Grammophon-Industrie in die Defensive drängte.

Ab Januar 1939 wird das Gelände dann von der Pittler Werkzeugmaschinenfabrik AG als Werk 2 genutzt. Die Produktion von Revolverdrehbänken endete aber im Mai 1945 abrupt, die sowjetische Besatzung veranlasste die Demontage der Werke, bei Polyphon und Dux wurden von nun an unter der Bezeichnung „Roter Stern“ Motoren aller Art für die sowjetische Armee repariert. Über 45 Jahre schraubten die Genossen an ihren Maschinen – 1991 kam mit der Räumung der Hallen das Ende. Leider auch für die Mehrzahl der Gebäude, nach jahrelangem Verfall verschwanden die einst ruhmreichen Hallen von Polyphon um 2008 unmusikalisch und klanglos. Lediglich der vom Leipziger Architekt Max Fricke errichtet Verwaltungsbau der Dux-Werke in der Linkelstraße 59 erinnert heute noch an den verflossenen Unternehmergeist der einstigen Protagonisten.

Diese Reminiszenz an die Polyphonwerke wäre nur fragmentarisch geblieben, gäbe es da nicht die fantastische und umfassende Arbeit „Die Hersteller von selbst spielenden Musikinstrumenten aus Leipzig von 1876 bis 1930“ von Dr. Birgit Heise, welche auf der Webseite des Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig nachzulesen ist. Ebenso sei hier die Bayrische Staatsbibliothek erwähnt, dort wurde die „Zeitschrift für Instrumentenbau“ (von 1880 bis 1943) in digitaler Form zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!

Passend zum Thema bietet das Grassimuseum für Musikinstrumente Vorführungen von Musikautomaten an. Selbstspielenden Instrumenten aus Leipzig werden bis zum 31.01.2016 in stündlichen Vorführungen um 13, 14, 15 und 16 Uhr diverse Töne entlockt.

mfm.uni-leipzig.de

Wir danken Andreas für sein Engagement, die Recherche, den Enthusiasmus und diesen Beitrag!

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