Die Kinder vom Bauernteich, Teil 1

Die Kinder vom Bauernteich 1948

Die Kinder vom Bauernteich 1948

Jürgen Wölk denkt für uns an seine Fünfziger-Jahre-Kindheit in Paunsdorf zurück. Von 1948 bis 1967 hat er Am Bauernteich gewohnt. Heute lebt er in der Lausitz. Wir bringen Jürgens Erinnerungen in drei Teilen. Vielleicht erkennt Ihr Euch ja wieder oder Eure Eltern oder Eure Großeltern …

(J.W.) Eine Vielzahl von Kindern wohnte in der Straße namens Am Bauernteich, überwiegend Schulkinder fast gleichen Alters. Ob Mädchen oder Junge, jedes hatte seine besonderen Talente, um das Straßenleben mit Streichen und Spielen zu gestalten. So entwickelte Pezo beim Herstellen von Feuerwerken und beim Anfertigen von Bleisoldaten, Indianern und anderen Figuren entsprechende Fähigkeiten. Wir anderen halfen bei der Beschaffung des erforderlichen Materials. Für unsere Raketen war es problematisch, Unkraut-Ex und Wanzengas zu erwerben, denn das wurde nur an Erwachsene verkauft.

Streichhölzer konnten wir zwar in mühevoller Kleinarbeit, oft heimlich, aber in größeren Mengen auftreiben. Jeder Haushalt benötigte sie. Die Streichholzkuppen wurden abgekratzt, um Schwefel als Zünd- und Treibmittel für die Raketen zu gewinnen. Startrampen wurden gebaut und die notwendigen Bestandteile fest in Silberpapier eingerollt. Nun konnte es losgehen! Nach einigen Fehlstarts, bei den größeren Exemplaren klappte es nicht immer auf Anhieb, flogen die Raketen bis in Dachhöhe der mehrgeschossigen Wohnhäuser.

Weitere Experimente wurden auch mit Karbid unternommen, wegen der Gefährlichkeit aber bald abgeblasen. Grund dafür war insbesondere, dass sich eine andere Straßenbande bei einem solchen Versuch Verletzungen zugezogen hatte. Deren Mitglieder hatten die Reaktionszeiten ihrer „Bombe“ falsch eingeschätzt und wollten nur mal nachschauen, warum diese nicht losging. Und dann passierte es – sie zerbarst.

Ein anderes Betätigungsfeld für alle Kinder in der Straße waren Wettkämpfe im Völkerball, Stelzenlauf, Wettläufe und auch Himmelhuppe, ein Hüpfspiel vor allem für Mädchen. Die ganze Fahrbahn wurde zur Wettkampfarena umfunktioniert. Das war bei dem damals geringen Verkehrsaufkommen leicht umzusetzen. Beim Völkerball ging es hoch her, wenn auch der oft verwendete Medizinball verdammt schwer war. Es wurde bis zum Umfallen um den Sieg gerungen, leichte Schürfwunden, bedingt durch den Straßenbelag, nahmen wir in Kauf. Auch unsere Mädchen hielten standhaft mit. Fairerweise wurde mit gemischten Mannschaften, nach Auslosung oder persönlicher Auswahl durch die jeweiligen Kapitäne, gekämpft. Unsere Favoriten hießen Monika, Anne, Renate, Irene, Martina, Dieter, Lothar, Bruno, Rotkopf und Olki. Volleyball und Fußball wurde ebenfalls gespielt, wenn auch nicht mit der Intensität wie beim Völkerball. Das war eben der Hit.

Einfahrt der Straße Am Bauernteich 2020 von der Riesaer Straße aus gesehen

Einfahrt der Straße Am Bauernteich 2020 von der Riesaer Straße aus gesehen

Dann gab es noch das sogenannte Tauschern, bei dem die Kinder einen mitgebrachten oder zugeteilten Gegenstand eintauschen müssen. Durch mehrfaches Tauschen konnte man bessere Dinge bekommen, die nachher zum Sieg führen. Wie Hans im Glück, bloß andersrum. Oder die Spiele als Cowboys und Indianer: In fantasievollen Kostümen und natürlich mit selbstgefertigten Waffen wurden sogar Straßenkämpfe mit den Kindern benachbarter Straßen ausgetragen. Alles halb so gefährlich, aber schon abenteuerlich, weil die feindlichen Lager erst erkundet und beobachtet werden mussten. Der Friedensverhandlung nach den Kämpfen folgte fast immer ein Straßenfest mit verschiedenen friedlichen Wettbewerben.

Auf der Straße wurde es allmählich zu eng, und so begann der harte Kern, neue Gebiete zu erschließen. Dabei waren der Dorfteich, die Felder und das Wäldchen in der Nähe gut für neue Abenteuer geeignet. Dort konnte man die Natur erforschen und hin und wieder sogar etwas Essbares finden. Wir führten Geländespiele durch, bauten Buden und kletterten auf Bäume. Nicht immer zur Freude der jeweiligen Besitzer, vor allem beim Äpfelklauen oder Umstapeln von Strohballen. Leider ist auch mal ein Junge beim Äpfelpflücken vom Baum gefallen und hat sich den Arm gebrochen.

Einige der Mädchen waren auch dabei und so blieb es nicht aus, dass wir uns gegenseitig erste Erkenntnisse in Sexualkunde vermittelten. Monika ging mit gutem Beispiel voran und zeigte die Besonderheiten des mädchenhaften Unterschiedes zum Jungen. Worauf sich Eddy  entschloss, seine Besonderheit zu offenbaren. Was war dagegen schon der Biologieunterricht mit seinen theoretischen Darstellungen?! Für weitere Erfahrungen auf diesem Gebiet waren wir jedoch noch zu jung. Alles weitere haben wir erst später erfahren.

Die Kinder vom Bauernteich 1956

Die Kinder vom Bauernteich 1956

Welche Bedürfnisse im Erwachsenenalter auf uns zukommen könnten, erahnten wir, als uns aus der Kaserne ausgebüxte russische Soldaten nach Frauen fragten. Das ist den Soldaten aber nicht gut bekommen. Ihre Vorgesetzten hatten sie bereits gesucht und entdeckt. In panischer Angst rannten die Soldaten über die Felder und die Offiziere ballerten mit ihren Pistolen in die Luft, was die Gesuchten zu noch höherer Fluchtgeschwindigkeit animierte.

In den Wintermonaten ging es nicht so hoch her, die Möglichkeiten für Wintersport waren, bedingt durch das flache Gelände, auch wesentlich geringer. Also musste man sich etwas einfallen lassen. So war Rodeln an den Hängen der Straßenunterführung zum Bahnhof angesagt. Gefährlich, weil wir in Richtung Straße rutschten und der Platz für die vielen Kinder nicht ausreichte. So kam es zu Karambolagen. Beim Zusammenstoß mit einem anderen Schlitten verletzte sich Olki derart an der Oberlippe, dass er den Arzt aufsuchen musste. Der hat alles wieder zusammengenäht. Was die Rodler nicht daran hinderte, weiter die Hänge hinabzurutschen …

Herzlichen Dank an Jürgen! +++ Siehe dazu auch unseren Beitrag „Streifzug durch Paunsdorf“ (Februar 2019), insbesondere den Leserbrief am Ende, eingesandt von einem anderen Jürgen.

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