Nach langem Nichtstun in dieser Sache besorgten wir uns das 1803 erstmals erschienene Seume-Buch* vom Spaziergang nach Syrakus aus der Leipziger Stadtbibliothek und bringen hier fünf Zitate daraus, illustriert mit Bildern, die wir 2008 während eines Urlaubs auf Sizilien geknipst haben, zuzüglich eines 2025er Motivs aus dem Museum in Lützen. Aus Poserna bei Lützen bzw. Weißenfels stammte der Schriftsteller ja, in Knautkleeberg wuchs er auf und in Borna und Leipzig ging er zur Schule. Die Seumestraße im Leipziger Südwesten kennen wir von regelmäßigen Fahrten zum Elsterstausee aus unserer Kindheit. Doch jetzt zu den Zitaten, ehe wir für Teil 2 auf eigenen Füßen unterwegs sein wollen.
Nr. 1, hier beschreibt Seume seinen Aufzug und erwähnt die Leipziger Messe:
„In Imola machte ich einen etwas barocken Einzug. Ich kam gerade zu den Harlekinaden der Faschingsmasken, wovon ich in in Pordenone schon einen Prodrom gesehen hatte. Die ganze Stadt war in Mummerei und zog in bunten Gruppen in den Straßen herum. Nur hier und da standen unmaskiert einige ernsthafte Männer und Matronen und sahen dem tollen Wesen zu. Meine Erscheinung mochte für die Leute freilich etwas hyperboreisch sein; eine solide pohlnische Kleidung, ein Seehundstornister mit einem Dachsgesicht auf dem Rücken, ein großer, schwerer Knotenstock in der Hand. Die Maskerade hielt alle Charaktere des Lebens, ins Groteske übersetzt. Auf einmal war ich von einer Gruppe umgeben, die allerhand lächerliche Bocksprünge um mich herum machte. Die ernsthaften Leute ohne Maske lachten, und ich lachte mit; einen genialischen Aufzug dieser Art kann man freilich nicht auf der Leipziger Messe haben.“
Nr. 2, hier lernt Seume spontane Gastfreundschaft kennen:
„In Pesaro, wo ich beiläufig die erste Handvoll päpstlicher Soldaten antraf, fragte ich, weil ich müde war, den ersten besten, der mir begegnete, wo ich logieren könnte? Bei mir, antwortete er. Sehr wohl! sagte ich, und folgte. Der Mann hatte ein Schurzfell und schien, mit Shakespear zu reden, ein Wundarzt für alte Schuhe zu sein. Nun fragte er mich, was ich essen wollte? Das stellte ich denn ganz seiner Weisheit anheim, und er tat sein Möglichstes mich zufrieden zu stellen, ging aus und brachte Viktualien, machte selbst den Koch und holte zweierlei Wein. Das war von nun an oft der Fall, daß der Herr Wirt sich hinstellte und mir die patriachaliche Mahlzeit bereitete und ich ihm hülfreiche Hand leistete.“
Nr. 3, hier kommt er auf den Titel seines Buches zu sprechen:
„In Syrakus ging ich durch alle drei Tore der Festung als Spaziergänger, ohne daß man mir eine Sylbe sagte: auch bin ich nicht weiter gefragt worden. Das war doch noch eine artige stillschweigende Anerkennung meiner Qualität. Den Spaziergänger läßt man gehen. (…) Jetzt sitze ich hier und lese den Theokrit in seiner Vaterstadt.“
Nr. 4, hier beschreibt Seume die brenzligste Situation seiner Reise:
„Ich habe die Gewohnheit, beständig vorauszulaufen, wo ich kann. Zwischen Gensano und Aricia ist eine schöne Waldgegend, durch welche die Straße geht. Oben am Berge bat der Postillon, wir möchten aussteigen, weil er vermutlich den Hemmschuh einlegen wollte, und am Wagen etwas zu hämmern hatte. Der Offizier blieb bei seinen Depeschen am Wagen, und ich schlenderte leicht und unbefangen den Berg hinunter in den Wald hinein … Ungefähr sieben Minuten mochte ich so fortgewandelt sein, da stürzten links aus dem Gebüsche vier Kerle auf mich zu. Ihre Botschaft erklärte sich sogleich. Einer faßte mich bei der Krause, und setzte mir den Dolch an die Kehle; der andere am Arm, und setzte mir den Dolch auf die Brust; die beiden übrigen blieben dispositionsmäßig in einer kleinen Entfernung mit aufgezogenen Karabinern. In der Bestürzung sagte ich halb unwillkürlich auf Deutsch zu ihnen: Ei so nehmt denn in Teufels Namen alles, was ich habe! Da machte einer eine doppelt gräßliche Pantomime mit Gesicht und Dolch, um mir zu verstehen zu geben, man würde stoßen und schießen, sobald ich noch eine Sylbe spräche. Ich schwieg also. In Eile nahmen sie mir nun die Börse und etwas kleines Geld aus den Westentaschen, welches beides zusammen sich vielleicht auf sieben Piaster belief. Nun zogen sie mich mit der vehementesten Gewalt nach dem Gebüsche, und die Karabiner suchten mir durch richtige Schwenkung Willigkeit einzuflößen. Ich machte mich bloß so schwer als möglich, da weiter tätigen Widerstand zu tun der gewisse Tod gewesen wäre: man zerriß mir in der Anstrengung Weste und Hemd. Vermutlich wollte man mich dort im Busche gemächlich durchsuchen und ausziehen, und dann mit mir tun, was man für gut finden würde. Sind die Herren sicher, so lassen sie das Opfer laufen; sind sie das nicht, so geben sie einen Schuß oder Stich, und die Toten sprechen nicht. In diesem kritischen Momente, denn das Ganze dauerte vielleicht kaum eine Minute, hörte man den Wagen von oben herabrollen und auch Stimmen von unten: sie ließen mich also los, und nahmen die Flucht in den Wald.“
Nr. 5, kurz vor der Rückkehr nach Leipzig besucht Seume seine Mutter:
„Meiner alten guten Mutter in Posern bei Weißenfels war meine Erscheinung überraschend. Man hatte ihr den Vorfall mit den Banditen schon erzählt, und Du kannst glauben, daß sie meinetwegen etwas besorgt war … Sie erlaubte durchaus nicht, daß ich zu Fuß weiter ging, sondern ließ mich bedächtlich in den Wagen packen und hierher an die Pleißenburg bringen.“
* Insel-Taschenbuch 3483
www.goeschenhaus.de (u.a. Seume-Gedenkstätte)
seumegesellschaft-arethusa.de (u.a. Seume-Latsch)
www.projekt-gutenberg.org (u.a. „Mein Leben“ von Seume)

