Ansehen Historie

Noch mehr aus Kerstins Schatztruhe

Noch mehr aus Kerstins Schatztruhe

Ab und zu sitzen wir mit Gleichgesinnten an einem Stammtisch mit Blick auf den Lindenauer Markt und tauschen uns zur Leipziger Geschichte aus. So gut wie immer bringen Peter und vor allem Kerstin zu diesem Anlass Wundertüten voll alter Dokumente, Bilder, Bücher und Kuriositäten mit. Es ist jedes Mal eine Freude, diese Dinge zu betrachten, zu beschnuppern – sie riechen wahlweise nach Keller oder Dachboden – und sich über sie Gedanken zu machen.

Das NAW zum Beispiel war das Nationale Aufbauwerk, eine organisierte Massenbewegung zum Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes in den 1950er Jahren. „Gemeinsam war allen Projekten des NAW, dass es um die Realisierung von Projekten von gemeinschaftlichem Interesse ging, z.B. von Schwimmbädern, Klubhäusern oder Parks“, erklärt Wikipedia unter dem Stichwort Nationales Aufbauwerk und zeigt u.a. ein Foto von 1952 aus Leipzig: „Aufbauhelfer beim Einkleben von Sammelmarken“.

Solche Sammelmarken nun hatte Kerstin dabei, welche vom NAW und andere von der Volkssolidarität, auf denen steht: „Hilfsaktion ‚Wir bauen auf‘ – Volkssolidarität Leipzig / 2 Stunden – 1950“. Es gab auch: „2 Stunden gesellschaftliche Hilfeleistung – Rat der Stadt Leipzig / 1956“. Bei der Volkssolidarität galt: Rote Marken für außerbetriebliche Mehrarbeit, blaue für innerbetriebliche Mehrarbeit, grüne für Fahrzeuggestellung und gelbe für geldliche Ablösung.

Ein weiteres Exemplar, das im VEB Getriebewerke Leipzig vom Sachbearbeiter für Sozial- und Wohnungswesen abgestempelt wurde, trägt das Kürzel NAW, kombiniert mit einem Symbol bzw. Logo für einen Siebenjahrplan. Die DDR hatte sich einen von 1959 bis 1965 vorgenommen – Italien verabschiedete einen Sieben-Jahres-Plan im Oktober 2024, das Filmunternehmen Marvel einen im Sommer 2025 und der 1. FC Köln einen im Juni 2021.

Weiter in der Wundertüte geht es mit einer Zeichnung der Paulinerkirche inklusive des Mendebrunnens aus dem Jahr 75 (so lesen wir das zumindest). 1875 oder 1975? 1875 gab es den Mendebrunnen noch nicht und 1975 die Pauliner- bzw. Universitätskirche nicht mehr. Die Quittung für die zurückgegebene Reichskleiderkarte stammt vom 27. Juli 1943. Grund der Rückgabe war die Einberufung. Die fünf grünen „Schnippel“ für die Leipziger Straßenbahn dürften wiederum aus den 1980er Jahren sein, denn so haben wir sie noch selbst benutzt. Grün bedeutete ermäßigt für Kinder, Jugendliche und andere Berechtigte – eine Fahrt kostete 10 Pfennige. Und trotzdem sind wir manchmal schwarz gefahren, um zu sparen – verrückt!

Zuguterletzt kommen noch ein paar Fotos, die wir den 1950er Jahren zuordnen würden. Die doppelten Lottchen waren vermutlich beim Fasching (Foto: Lenz, Leipzig W 31, Könneritzstr. 90), während die Ausflügler aus dem Südwesten unserer Stadt unterwegs zum Kyffhäuser gewesen sind bzw. die Zelte im staatlich anerkannten Erholungsort Manebach bei Ilmenau aufgeschlagen hatten.

Herzlichen Dank an Kerstin!