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Alte Leipziger Speisekarten, Teil 2

Alte Leipziger Speisekarten, Teil 2

Aus der Zeit nach der Wende, aber zum Teil noch vor der Einführung des Euro stammen die in Teil 2 vorgestellten Exemplare. Wir freuen uns immer, wenn Speisekarten Episoden aus der örtlichen Geschichte erzählen und können heute klären, was Napoleon im Mai 1813 in Colditz zu Abend aß und was er im Oktober desselben Jahres in Probstheida zu suchen hatte? Zunächst kommt die Antwort auf Frage 2 aus der mittlerweile nach ihm benannten Lokalität: „Am Nachmittag des 18. Oktober 1813 trafen sich Kaiser Napoleon und König Murat von Neapel im Garten des brennenden Gasthauses und berieten über den weiteren Verlauf der Schlacht und den Beginn des französischen Rückzuges.“

Das Gasthaus in Sichtweite des Völkerschlachtdenkmals wurde wiederaufgebaut und hatte in der Saison 2000/2001 folgende Biere im Ausschank: Kaiser Napoleon Pilsner, Kanonier (Schwarzbier) und Aristokrat (Weizen) sowie Grenadier (Weizenbock), Musketier (Märzen), Trikolore (Maibock), 1813 (Doppelbock) und Josephine (Mix aus Kirschmost und Napoleonbier). Dazu reichte man z.B. den Kanonierteller (Rohkostplatte mit drei Spiegeleiern und Treberbrot – 15 DM), Schwedischen Senfhering (11,50 DM) oder Altdeutsche Biersuppe mit Rosinen und Backpflaumen (5,50 DM), aber auch Fasanenbrust mit Ananaskraut*, Kroketten und frischem Salat (23 DM) oder Napoleons Lieblingsgericht Hähnchen Marengo (25 DM).

Wahrscheinlich im Jahre 2002 führte das Kartoffelhaus im Barfußgässchen die Preise in DM und Euro auf, das war kurz nach der Einführung der neuen Währung üblich und hatte kuriose Beträge zur Folge, 9,41 Euro für ein Steak Budapest mit Zuckererbsen, 4,04 Euro für drei Kartoffelpuffer mit Apfelmus und Zucker oder 3,48 Euro für eine Folienkartoffel mit Kräuterquark bzw. Zatziki.

Geht man nach den Preisen, dürfte auch die Speisekarte aus Zill’s Tunnel in den sogenannten Nuller Jahren gedruckt worden sein. Gebratene Tranchen vom Fasanenbrustfilet mit glacierten Weinbeeren auf Ananaskraut*, dazu Macairekartoffeln, kosten 14,70 Euro, Zill’s Grillpfanne 12,90 Euro und der Fischtopf „Gasthaus des Meeres“ 11,70 Euro. Für einen halben Liter Krostitzer zahlte man 3,50 Euro, für eine Tasse Kaffee 1,80 Euro. Aus dem Dunkel der Geschichte holt die Wirtsfamilie Geyer Tunnelgründer Johann Gottfried Zill ins Kneipenlicht; der hatte 1841 an der Ecke von Barfuß- und Klostergasse mit dem Ausschank begonnen. Außerdem lesen wir von singenden Handwerkern, wahrer Gemütlichkeit und Karl Friedrich Zöllners Lied „Das Wandern ist des Müllers Lust“, welches in Zill’s Tunnel ersonnen wurde.

Zuguterletzt reisen wir gedanklich ins Colditzer Waldhaus, in dem in der Geltungszeit der uns vorliegenden Karte für den halben Liter Krostitzer lediglich 2,45 Euro zu zahlen waren, für die Tasse Kaffee 1,20 Euro und für die Waldhauspfanne mit Reh, Schwein, Pute, Pilzen, Pommes frites und Salat 9,90 Euro. Das 1897 begründete Ausflugslokal wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Schulungslager der Kulturschaffenden des Bezirkes Leipzig und 1956 von der Handwerkskammer der Messestadt übernommen und zunächst Handwerkerheim genannt, ab 1961 dann Waldhaus.

Auch in Colditz war Napoleon im denkwürdigen Jahr 1813 zu Gast. Am 6. Mai verfasste der damals noch siegreiche Kaiser der Franzosen dort einen Brief an seine Frau und bezeichnete sich darin nach der Schlacht von Lützen am 4. Mai 1813 als „heilige Person“, sein Colditzer Abendmahl ist überliefert: „Spiegeleier, Bohnensalat, Parmesankäse, Braten und Gemüse, dazu einen französischen Rotwein“. Küchenchef Jens Hagemann nahm dies zur Anregung für ein Napoleon-Menü: 1. Bohnensalat in Essig-Öl-Dressing mit Zwiebel, 2. Zwiebelsuppe in der Terrine mit Brotwürfeln und Kräutern, 3. Geschmorter Rehbraten in feiner Balsamessigsoße mit gebutterten Erbsen und Kräuterkartoffeln – 14,40 Euro.

Als hübsches Detail erinnert die Waldhaus-Speisekarte an das Steak au four à la Interhotel mit Erbsen und Pommes frites und hat es für 11 Mark der DDR oder 9,50 Euro im Angebot sowie an das Zigeunersteak à la HO-Gaststätten mit Letscho und Pommes frites (6,55 Mark der DDR bzw. 8,90 Euro). Als gastronomische Referenzen herangezogen werden das Restaurant Stadt Dresden, ehemals im Wintergartenhochhaus beheimatet, sowie das Parkhotel Leipzig gegenüber vom Hauptbahnhof.

* Ananas war zu DDR-Zeiten etwas Besonderes, weswegen Ananasrotkraut eine edle Variante der an sich üblichen Beilage gewesen sein muss (siehe die Karte des Urpilsners in Teil 1). Was aber soll Ananaskraut ohne -rot- sein?