Speisekarten muss man ein paar Jahre liegenlassen, auf die Art und Weise werden sie noch interessanter. Hans-Werner wusste das, er übergab uns kürzlich zu unserer großen Freude ein paar gut abgelagerte Exemplare. Sogar Vorwendekarten waren dabei, aus dem Interhotel International (jetzt Fürstenhof), dem Restaurant Urpilsner (jetzt Konoba Laterna) und der Wildparkgaststätte (die immer noch so heißt).
Im International hat es – wenn wir das richtig deuten – am 1. Januar 1982 ein Drei-Gänge-Menü gegeben. 1. Gang: Klare Oxtail (= Ochsenschwanzsuppe). 2. Gang: Kalbskotelett mit Streugemüse und Kartoffelbällchen oder Heilbuttfilet mit Champignons überbacken, Schwenkkartoffeln und Selleriesalat. 3. Gang: Halbgefrorenes. Mit Kalb kostete das zusammen 14,15 Mark, mit Heilbutt 14,45 Mark. Für die gediegene Klappkarte verantwortete die PGH Gutenberg Leipzig Satz und Druck.
Den Neujahrsmorgen 1988 erlebten Hans-Werner und seine Frau Eva im Urpilsner in der Wiederitzscher Straße. Zur Silvesterfeier im Gohliser Ecklokal kamen u.a. Gespicktes Rinderfilet in Steinpilzsoße, Ananasrotkraut, Buttererbsen und Petersilienkartoffeln auf den Tisch, dazu Pilsner Urquell und Karlsbader Becherbitter sowie in der ersten Stunde des neuen Jahres Prager Würstchen. Der Gedeckpreis betrug 26,80 Mark – für vier Gänge und zwei Getränke.
Die Wirtsleute Karin und Wolfgang Böhme hatten zudem nicht nur die „beliebte Butze-Disco“ engagieren können, sondern auch eine besonders originelle Neujahrskarte gestalten lassen – in Form eines Fußes mit aufgeklebtem Glückspfennig und folgendem Spruch: „Gut zu Fuß / und niemals krank / und ein Konto / auf der Bank / dieses wünscht Ihnen für 1988 / Ihr ‚Urpilsner'“.
Weiterhin erhalten geblieben ist eine Urpilsner-Speise-und-Getränke-Karte mit den Herbstmesse-Preisen von 1986. Kaum ein Leipziger ist zu Messepreisen essen gegangen, denn diese waren doppelt so hoch (oder noch höher?) wie die üblichen. Dafür hatten Böhmes in der Messewoche neben Spezialbier von Sternburg (wahrscheinlich German Pils) für 2,80 Mark im Halbliterglas auch Pilsner Urquell sowie Wernesgrüner und Radeberger im Angebot – jeweils 3,50 Mark für die Halbliterflasche.
Das Steak au four „mit feinem Würzfleisch, Zitrone, Buttererbsen, pommes frites, garniert mit frischen Salaten“ kostete 12,70 Mark. Und als hätte man damals schon in die Zukunft als kroatisches Restaurant geblickt, standen u.a. auch Tschewap Tschitschi „mit Zwiebelringen und Letscho, pommes frites“ und gemischten frischen Salaten auf der Karte – der Preis dafür betrug 6,70 Mark.
In der Wildparkgaststätte wiederum dürften Eva und Hans-Werner im Jahr 1987 einen sächsischen Baudenabend erlebt haben. Kneiper Willi ließ sich nicht lumpen und holte dafür Tante Emma mit ihren „sex’schen modischen Mädels“, die Nightflowers sowie Diskjockey Klaus-Dieter Glunde in die Hütte. Das Baudengedeck bestand aus fünf Komponenten: 1. Aperitif. 2. Herzhaftes Wildschmalz mit Kümmelbrot. 3. Connewitzer Räubersuppe. 4. Gesp. Hirschkeule mit Apfelrotkohl und sächs. Quarkklößen. 5. Schokoladenmus mit Sahne garniert.
Die Baudenabende fanden im September 1987 zu den Messeöffnungszeiten von 20 bis 2 Uhr statt, also wieder zu Messepreisen – stolze 44,20 Mark sind auf dem Beiblatt vermerkt. Küchenleiter war seinerzeit Kollege Deubel, Gaststättenleiter Kollege Fricke (Kneiper Willi, nehmen wir an; wahrscheinlich der Mann mit dem Humpen). Die aufwändig gemachte und auf drei von vier Seiten farbige Karte wurde von der Leipziger Buch- und Billettdruckerei Siegfried Hennig hergestellt.
– wird fortgesetzt –

