Jens brachte uns mit seinem Schiffsbuch auf das Thema, auch die LVZ hatte den Grönländer unlängst am Wickel. Nun wälzten wir alte Bücher und suchten alte Fotos heraus. Im Haus „Zum Grönländer“ waren wir Anfang der 1990er Jahre fotografieren. Das Kaufhaus Magnet in den unteren beiden Etagen, eine DDR-Baumarkt-Variante, hatte aufgegeben, die Räume standen leer – und offen! Man konnte einfach hineinspazieren und anschließend die Treppen hinauf bis aufs Dach steigen, was wir auch taten. Von oben sah man auf den Obst- und Gemüsemarkt, der sich auf dem Gelände des heutigen Kaufhauses Peek & Cloppenburg befand, auf die Leuchtwerbung des Centrum-Warenhauses (später Karstadt), die Petersstraße entlang sowie hinüber zur Burgstraße.
28 oder 29 Jahre später gingen wir zu Peek & Cloppenburg, um aus der ersten Etage eine halbwegs gerade Außenaufnahme des Grönländers machen zu können. Zu Hause dann saßen wir suchend vor unserem Leipzig-Bücher-Regal. In Nikolaus Pevsners „Leipziger Barock“ (Original von 1928) fanden wir folgende recht kritische Worte: „Ziemlich unvereint steht Altes und Neues am Haugkschen Hause Petersstraße 24 (…), das 1749-50 erbaut wurde. Die lange Fassade gegen die Sporergasse ist eine Nachbildung des Systems von Barthels Hof und wirkt ebenso ernst und gemessen wie dieser. Was dem unbekannten Leipziger Schöpfer des Hauses aber nicht in den Kopf wollte, war, daß diese einfachste Art des Aufbaues auch einer Schauseite wie der gegen die Petersstraße würdig sein sollte. Hier gehörte seiner Überzeugung nach unbedingt der Mittelerker und das Figurenportal hin. So übernahm er beides und setzte es unbekümmert vor eine nach dem Lisenensystem aufgebaute Fassade. Was dabei zustande kommt, kann nur eine gegenseitige Schwächung beider Elemente sein.“
In Waltraud Volks „Leipzig – Historische Straßen und Plätze heute“ (1979) heißt es: „Der Gebäudeverlust durch die Bombenangriffe 1943/44 war auch in der Petersstraße beträchtlich. Von den vereinzelten, bei Ausbruch des Krieges noch vorhandenen Bauten des 18. Jahrhunderts steht heute nur noch das Haus Nr. 24, das seit 1908 als Messehaus den Namen ‚Der Grönländer‘ trug.“
Und warum Grönländer? Wolfgang Hocquéls kleiner Band „Leipzig“ (1983) liefert die Antwort: „Das Haugksche Haus Petersstraße 24 (1749/50) ist nur an dem dreigeschossigen Erker mit Rokokoelementen geschmückt. Die Portalfiguren stammen vermutlich aus einem älteren Bau vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Die gesamte übrige Fassade ist sehr schlicht und besitzt stilistische Ähnlichkeiten mit Barthels Hof … Das kupferne Hauszeichen – ein Eskimo im Kajak – erinnert daran, daß der Erbauer und erste Besitzer des Hauses Martin Haugk, der ein Schiff zum Robben- und Walfang nach Grönland geschickt hatte, durch einen Eskimo gerettet wurde. Danach trägt das Haus noch heute den Namen ‚Grönländer‘.“
Magnet-Kaufhäuser gab es laut Leipziger Telefonbuch von 1973 übrigens nicht nur in der Petersstraße 24 (Heimwerker), sondern auch in der Petersstraße 28 (Haus der vielen Artikel), in der Grimmaischen Straße 26 (Kinderbekleidungshaus) und in der Ernst-Thälmann-Straße 84 (Textilkaufhaus des Ostens).
Danke an Jens, Norbert und Julius sowie an Nikolaus, Waltraud und Wolfgang! Außerdem danken wir Mistreiter Andreas, der uns eine Anzeige aus dem Leipziger Tageblatt vom 8. Februar 1880 zukommen ließ. Bei ihrem Erscheinen trug das Haus Petersstraße 24 noch die Nummer 13, die Hausnummern wurden 1885 geändert.
„Condit. u. Café z. Leipz. Wahrzeichen ‚Der Grönländer‘, Petersstr. 13, R. Konze. Täglich abends von 7-11 Uhr, Sonntags von 3-11 Uhr Concert von einem feinen Musikwerk (Orchestrion), in Größe genau für das Local berechnet, mit mechanischer Darstellung des Wahrzeichens ‚der Grönländer rettet das Leipziger Schiff der Familie des Hauses‘, Deutsche Kunst in höchster Vollendung extra für das Haus gefertigt. Eintritt unentgeltlich. In Zwischenpausen wird von Zeit zu Zeit ein kleines feines Werk ausländischer Industrie spielen.“
Katrin vom Blog „Leipzig Love“ bringt im Jahr 2025 Licht in unsere Geschichte, dank zweier Beiträge aus dem Sächsischen Tageblatt und Anzeiger von 1877: „Dieser Tage ist das in dem vormaligen v. Haugk’schen Hause in der Petersstraße – jetzt Herrn Conditor Konze gehörig – am Deckengewölbe des Hausflurs befestigte Grönländerboot sammt Ausrüstung und darin sitzender Grönländerfigur abgenommen worden. Dasselbe hat seit Menschengedenken daselbst seinen Platz gehabt und galt als ein Leipziger Wahrzeichen. Wie wir erfahren, soll das Boot, ein aus Knochen und Seehundshaut gefertigtes Original, seine Wiederaufstellung in dem nächstens zu eröffnenden neuen Geschäftslocale finden und wird somit als ein ehrwürdiger Schmuck desselben auch ferneren Zeiten erhalten bleiben.“
Zitat Nummer 2 macht am 23. Juni 1877 klar: „Den Berichten über das neue Konze’sche Café à la ville de Paris sei zur Richtigstellung hinzugefügt, daß die mit dem daselbst aufgestellten Grönländerboote verbundenen Mittheilungen nicht urkundlich nachgewiesen sind, sondern traditionell vom Vater auf den Sohn übergingen, wie dies auch von mehr als siebzigjährigen Leuten bestätigt wird. Ohne Zweifel liegt aber der Sache Wahrheit zu Grunde. Nach einer vor länger als vierzig Jahren und von einem Greise gewordenen Erklärung dieses ‚Grönländer-Wahrzeichens‘ soll besagtes Fahrzeug einem Eingeborenen angehört haben, der an der grönländischen Küste ein auf Rechnung der Firma Haugk zum Walfischfange ausgerüstetes Schiff aus großer Gefahr rettete. Er erhielt für diese That von der dänischen Regierung eine Belohnung, aber auch die Leipziger Firma, der er den wichtigen Dienst geleistet hatte, wollte sich erkenntlich zeigen.“ Herzlichen Dank, Katrin!

