Kommste mit ins Kino?

In der Schauburg

In der Schauburg

„Seit gestern bleibt die Leinwand in der Haferkornstraße 48 dunkel“, war am 1. Oktober 1992 in der Leipziger Volkszeitung zu lesen, „der Besucher der Eutritzscher Lichtspiele steht vor verschlossener Tür. Grund dafür ist die geforderte Miete, die die Filmtheaterbetriebe Leipzig GmbH nicht aufbringen kann.“ 8.000 Mark im Monat hätte das Unternehmen ab Januar 1993 für das kleine Stadtteilkino zahlen sollen und machte zu. Selbst die 2.000 DM, die bis dahin galten, hätte das Haus nicht erwirtschaftet.

„Die Eutritzscher Lichtspiele sind jedoch keineswegs das einzige Kino, das die Filmfreunde seit diesem Jahr (gemeint ist 1992!) vermissen: Im Filmtheater Connewitz gingen bereits im Sommer die Lichter aus … Geschlossen sind … auch … Wintergarten, die Coppi-Lichtspiele oder das Lindenfels. Einziger Lichtblick: der rundum sanierte Regina-Palast mit seinen sechs Leinwänden, in dem die Filmtheaterbetriebe momentan ihre neue Geschäftsstelle beziehen.“

Bereits am 23. September 1992 war das Casino Thema in der LVZ gewesen: „Über die Zukunft des Kinos ‚Casino‘ verhandelten gestern erneut die Anwälte der Filmtheaterbetriebe und der Dresdner Hof AG.“ Man sei übereingekommen, heißt es weiter, dass das Kino am 31. März 1993 geschlossen werde. Bis Dezember betrage die Miete 5.000 Mark, bis März dann das Doppelte. „Noch vor Wochen hatten die Hauseigentümer (die Dresdner Hof AG) eine Nettokaltmiete von 55.000 Mark für das ‚Casino‘ gefordert.“

Noch weiter zurück liegt die Veröffentlichung vom 22. Juni 1991, unter der Überschrift „Kino-Center – aber wann?“ erfahren wir unter anderem: „Leipziger Kinofreunde werden sich erinnern: Der Wintergarten in der Thälmann-Straße gehörte stets zu den gut besuchten Filmtheatern der Stadt. Das sieht man ihm heute allerdings nicht mehr an – er ist dem Verfall preisgegeben.“

Die Leipziger Filmtheater GmbH wollte an Ort und Stelle ein „Kinocenter mit Ladengeschäften“ hinstellen – bis zur Melchiorstraße. Die Stadt sagte sinngemäß: Gute Sache, baut aber gleich bis zur Thümmelstraße. Das „Handicap“, so die LVZ, heiße „wie immer ungeklärte Eigentumsverhältnisse“. Im selben Beitrag steht noch das: „Vergrößert werden soll auch die Schauburg, so unter anderem durch ein kleines Studiokino. Seit rund vier Wochen gibt’s übrigens wieder Kino im Zelt des Naherholungsgebietes Kulkwitz, was sich großer Beliebtheit erfreut.“

Stimmt! In den 1980ern wohnten wir in Grünau und frequentierten sowohl dieses Zeltplatzkino als auch die nebenstehende Disko (ebenfalls in so einer „Aufblas“-Halle zu Hause, die sahen aus wie halbe Zeppeline) beim Schiff am Kulkwitzer See.

Ein um einiges älteres Etablissement wird in der Broschüre „Leipzig-Südwest – Aus der Geschichte eines Stadtbezirkes“ (1990) erwähnt, die Edda-Lichtspiele, eröffnet 1906 in der Lützner Straße 19. In den 1990ern wiederum gab es auch Kinos im Grassi(-Museum; Täubchenweg) und im Robotron(-Gebäude; Nordstraße).

Ulla Heise nennt in ihrem gemeinsam mit Andreas Reimann geschriebenen, wiederentdeckenswerten Buch „Leipziger Allerlei – Allerlei Leipzig“ (1993) das „im November 1992 neueröffnete Film-Café Intershop (Burgstraße)“. An Ort und Stelle befand sich bis vor kurzem noch der Film- und Buchladen Zweitausendeins (bis zum Ende der DDR gab es dort wirklich einen Intershop, ein Geschäft, in dem man für Westgeld Westwaren kaufen konnte).

Übers Zeitkino im Hauptbahnhof verrät ein LVZ-Beitrag vom 22. November 2013 („Vom Tunnel und von anderen Tunneln“), dass es zu DDR-Zeiten in Vorgängeranlagen des heutigen City-Tunnels untergebracht gewesen sei. Wir erinnern uns, dass wir dieses kuriose Lichtspielhaus mit Endlosprogramm als Kinder manchmal besuchten. Zu finden war es in der Osthalle hinter den Schließfächern – auf uns wirkte das Zeitkino gleichermaßen faszinierend wie gruslig, weil durchweg dunkel.

Der „Tourist Stadtführer-Atlas Leipzig“ führt aus: „Zeitkino – 7010, Hauptbahnhof Osthalle, Tel. 20 03 78, 204 Sitzplätze, täglich von 10 bis 18.30 Uhr Kurzfilmprogramme (fortwährend Einlaß). Im Abendprogramm werden Spielfilme vorgeführt.“ Auch über die Filmbühne Capitol („Petersstr. 20 … Größtes und modernstes Filmtheater des Bezirkes Leipzig … 1030 Sitzplätze, Mokkabar … Angeschlossen ein Studiokino (Burgstr.) mit 54 Plätzen“), das Filmtheater der Freundschaft (heute Passage-Kinos; „Hainstr. 17/19 … 660 Sitzplätze, Café und Süßwaren-Service“) und das Filmkunsttheater Casino („Neumarkt 21/27 … 496 Sitzplätze. Internationale Filmkunstwerke in Erstaufführung und Wiederaufführung“) werden wir informiert.

„Hinter der eher biederen Straßenfront“, heißt es in „Bauhaus und Art Déco – Architektur der Zwanzigerjahre in Leipzig“ über das Messehaus Petershof, „überraschte den Kinofreund im Lichthof mit den Kassen für das 1.700 Zuschauer fassende Lichtspieltheater ‚Capitol‘ ein Architekturerlebnis. Beim Umbau zum Warenhaus im Jahr 2004/05 erhielt dieser Lichthof eine Ausstattung, die ihn wie eine überdimensionale, begehbare Verkaufsvitrine wirken lässt.“ Immerhin kommt man in das ehemalige Kino (heute ein Klamottenladen) noch ganz regulär rein. Der Raumeindruck ist nach wie vor impoasant.

Die beiden historischen Aufnahmen vom Capitol stammen aus dem Heft „Leipzig – Zum 25. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik“ (1974) und zeigen den Eingangsbereich mit verschiedenen Lichtwerbungen. An die dickeren Buchstaben erinnern wir uns gern, die verfärbten sich ganz allmählich, wechselten langsam, aber stetig ihre Farbe. Die Säule im Passageneingang gegenüber setzt dieses Spiel bis heute fort …

Siehe auch unsere Beiträge „Kuschlige Kinos“ (Februar 2012) und „Eutritzscher Lichtspiele“ (August 2013).

Ergänzung I: In der Kieler Straße / Ecke Samuel-Lampel-Straße steht die einstige Filmbühne Nord. Auf Internetbildern aus den Jahren 2008 (www.allekinos.com) und 2009 (Google Maps) sieht der Giebel noch anders aus, gestuft. Das übriggebliebene N oben an der Spitze stammt aus dem vor wenigen Jahren noch vorhandenen Schriftzug FILMBÜHNE NORD.

Ergänzung II: Die Schaubühne Lindenfels zeigt im Gegensatz zur Filmbühne Nord nach wie vor Filme. Links die Treppe hoch und dann in den kleinen Saal – sehr gemütlich. Wir haben dort gerade erst „La Grande Bellezza“ gesehen …

Ergänzung III: Letztens waren wir mit den Eltern in der Stadt. Mit Blick auf das Kartoffelhaus am Kaffeebaum sagten sie: „Da war früher das Filmeck – das war ein komisches Kino.“ Adresse: Barfußgäßchen 12. Die nahegelegenen Passage-Kinos, 1915 eröffnet als U.T Hainstraße, halten den Namen in Erinnerung: „Unsere Kinosäle haben wir nach den ehemaligen Leipziger Lichtspielhäusern ASTORIA, UNIVERSUM, WINTERGARTEN und FILMECK benannt“ (www.passage-kinos.de). Sehr interessant in dem Zusammenhang ist Ralph Nünthels Leipziger Lichtspieltheater-Archiv (www.kinoarchivleipzig.homepage.t-online.de)!

Ergänzung IV: Am 12. Dezember 2015 eröffneten die Passage-Kinos ihren fünften Kinosaal und teilten dazu mit: „Wie Sie wissen, sind unsere bisherigen vier Kinosäle nicht einfach nur ‚durchnummeriert‘, sondern tragen die Namen ehemaliger Lichtspieltheater Leipzigs. Diesem Konzept sind wir treu geblieben und haben für unseren kleinen, aber feinen neuen Saal den Namen eines der traditionsreichsten und renommiertesten Kinos in unserer Stadt ausgesucht – das CASINO – und verstehen dies zugleich als Reminiszenz und Verpflichtung, unser Programm auch weiterhin im Sinne dieses klassischen Filmkunsttheaters zu gestalten.“

Geschäftsführerin Petra Klemann informiert weiter: „Entworfen und geplant vom Architekten Klaus Keller aus Stuttgart, der 1997 auch bereits die Passage Kinos konzipiert hat, haben in mehr als zweimonatiger, nicht unkompliziert verlaufender Bauzeit, zahlreiche Leipziger Firmen einen Saal mit insgesamt 50 Plätzen, davon ein Behindertenplatz, errichtet. Die Ausstattung mit eigens für diesen Saal angefertigten Ledersesseln der Firma NVM aus Pötenitz, eleganter Holzverkleidung und einem Kristalllüster als Hingucker ist sehr hochwertig und elegant. Die digitale Ton-und Kinotechnik wurde wie in allen anderen Sälen in bewährter Weise von der Firma Cine Project Berlin installiert.“ (Siehe auch das vom Kino zur Verfügung gestellte Eröffnungsfoto.)

Ergänzung V: Ein historisches Foto des Casino sahen wir am 6. Dezember 2016 auf dem Weg ins Passage-Kino und zeigen in der Galerie einen Ausschnitt davon.

Ergänzung VI: Im Oktober 2017 stellte uns Ralph Nünthel freundlicherweise ein ebenfalls historisches Foto zur Verfügung. Es zeigt das Wintergarten-Kino im Jahr 1947. Auf dem Leipziger Blog Wortblende findet sich ein aufschlussreicher Artikel dazu (eingestellt am 28.10.2017).

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