Reformen mit Paul, Teil 2

Das Thalysia-Hauptgeschäft befand sich im Eckhaus Neumarkt 40 (heute 30)

Das Thalysia-Hauptgeschäft befand sich im Eckhaus Neumarkt 40 (heute 30)

(A.H.) Selbstverständlich suchten die Eheleute Garms auch weiterhin das „Thalysia“ auf. Es befand sich aber nicht mehr am alten Platz, Georg Haug hatte seine Vegetarier-Stube 1893 einige Häuser weiter östlich an den Obstmarkt verlegt. Mit dem geplanten Bau des Neuen Rathauses erfolgte 1898 eine Umbenennung in Rathausring, seit 1933 ist es der Martin-Luther-Ring. Das Bauwerk überstand die Luftangriffe im 2. Weltkrieg nicht, heute besiedelt die 2015 geweihte Katholische Kirche St. Trinitatis das Areal. Im Obstmarkt Nummer 1 frönten die Jünger der Naturkost in der ersten Etage ihren Neigungen, anfangs mit Blick auf die Pleißenburg. Die alte Bleibe an der Nonnenmühlgasse 2 fiel 1893 der Spitzhacke zum Opfer, etwa 1895 ragte an der Stelle einen Neubau empor. Der Standort in prominenter Lage an der Leipziger Ringbebauung entpuppte sich als ideale Ausgangslage für Paul Garms‘ Unternehmungen.

Als Georg Haug sein Geschäft verkaufen wollte war Garms zur Stelle, für 10.000 Mark wechselte das Restaurant 1898 die Besitzer. Die Eheleute Garms gingen mit großem Eifer an den Ausbau ihres jungen Unternehmens. Neben der vegetarischen Speisestube schufen sie einen kleinen Verkaufsraum für naturgemäße Nährmittel, ähnlich wie schon Vorgänger Haug es praktizierte. Letzterer hatte 1898 am Markt 9, Ecke Barfußgässchen, im Vorgängerbau des späteren König-Albert-Hauses, eine neue Futterkrippe installiert und viele Gäste mitgenommen. Familie Garms arbeitete bereits mit Verlusten, dann entschied eine im Kaufvertrag eingeflossene Konkurrenzklausel zu ihren Gunsten.

Garms bekam einen Schadensersatz von 1.500 Mark zugesprochen, der Betrag floss in die Reklame für den Reformwarenvertrieb. Der sich daraufhin einstellende Erfolg veranlasste ihn im Mai 1900 zur Einstellung der gastronomischen Tätigkeiten, die Räumlichkeiten im Rathausring 1 dienten nun ausschließlich zu Verkaufszwecken. Der zunehmende Aufschwung veranlasste Garms seine Stellung aufzugeben. Er übernahm die Leitung des Geschäfts. Seit 1. Januar 1900 hieß die neue Firma Reformhaus Thalysia Paul Garms. Dieses Datum ist nach Paul Garms‘ Angaben als Gründungsdatum des Unternehmens „Thalysia“ anzusehen.

Garms‘ fleischloser Gourmet-Tempel war um die Jahrhundertwende mitnichten ein Exot, die Konkurrenz befand sich nur wenige Gehminuten entfernt. Mit dem „Pomona“ in der Kurprinzstraße 3 (heute Grünewaldstraße) residierte ein wichtiger Rivale in unmittelbarer Nähe, immerhin konstituierte sich dort am 7. Juni 1892 der Deutsche Vegetarier-Bund mit Sitz in Leipzig. Außerdem wetteiferten die Häuser „Manna“ in der Turnerstraße 25 und „Ceres“ in der Zeitzer Straße 13 (heute Karl-Liebknecht-Straße) ebenfalls mit pflanzlichen Menüs.

Auf Grund steigender Umsätze eröffnete Garms 1901 eine erste Außenstelle in der Gohliser Äußeren Halleschen Straße 81 (heute Georg-Schumann-Straße 95). Ein Jahr später befand sich die Verkaufszentrale im Eckhaus Neumarkt 40, Ecke Peterskirchhof, und es gab schon vier Filialen (Gohlis, Plagwitz, Neureudnitz und Volkmarsdorf). Das Sortiment umfasste neben Gesundheits-Nährmitteln wie Knöterich-Tee, Hafergries, Wurm-Schokolade „Curbitin“ auch Brennnessel-Haarwasser sowie selbsterschaffene Frauen-Reformkleidung und Schuhe. Aus einem vegetarischen Versandhaus und Sanitäts-Basar entwickelte sich mit dem Reformhaus ein neuer Geschäftszweig, der ausgehend von Leipzig in vielen Städten Anklang fand.

Bald gab es auch Voll-Brot-Waren aus eigener Herstellung. Dazu erwarb Paul Garms 1904 die Leipziger Simonsbrot-Fabrik im Hinterhaus der Kochstraße 24. Garms ließ da u.a. das Sächsische Pumpernickel, Graham- und Diabetikerbrot sowie Rosinen- und Nussbrötchen zubereiten. Die Bäcker kneteten bis mindestens 1911 und vielleicht bis 1919, danach werkelte dort die Essenzen-Elite der VEX Vereinigte Extraktfabriken Scholtze & Winkler. Das von Paul Garms 1907 erlangte Grundstück Kochstraße 24 ging zehn Jahre später in das Eigentum von Karl Domnitz über, ab 1927 produzierte dessen Firma Domnitz & Co. ebenda Schaltapparate.

Zum Backen wird Mehl benötigt. Garms verband das Angenehme mit dem Nützlichen und kaufte 1911 die damals über 300 Jahre alte Täubertsmühle im brandenburgischen Friedersdorf (zwischen Elsterwerda und Finsterwalde), richtete die Mühle zur Mehlproduktion her und erzeugte auch noch Strom. Außerdem bot der nahegelegene Forst der Niederlausitzer Landschaft Paul Garms die Option, seine weidmännischen Kompetenzen zu erproben. Die Resultate seiner geglückten Visierung von Kimme und Korn hingen als Trophäen im benachbarten Jagdhaus, Garms hatte es zusammen mit der Mühle erworben und war bis Ende der 1930er Jahre Eigentümer der Anlagen.

Inzwischen prosperierte Garms‘ Reform-Unternehmen, 1904 gab es neben dem Hauptgeschäft Neumarkt 40 weitere sieben Verkaufsstellen in Leipzig, ein Jahr später kamen zwei weitere hinzu und 1908 verfügte das Unternehmen schon über zehn Filialen. Um die Damenwelt mit selbstgeschneiderter Leibwäsche zu beglücken suchte Garms einen geeigneten Partner und fand ihn in der Firma Ernst Voigt & Co. Corsettfabrik – ausgerechnet mitten im Buchgewerbeviertel. In der Salomonstraße 10 rief er 1904 mit seinem Sozius die Firma Voigt & Garms, Fabrik für Korsetts und Reformbekleidungs-Gegenstände ins Leben. Für deren Kreationen stand das dritte Obergeschoss des Mittelgebäudes zur Verfügung.

Die ganzen Baulichkeiten in der Nummer 10 gehörten einer der größten Buchbindereien Leipzigs, der Firma E.A. Enders. Die hatte damals 13 Untermieter, wovon elf dem Graphischen Gewerbe und dem Verlagsbuchhandel angehörten. Die beiden Korsagen-Kapitäne schneiderten folglich inmitten einer Papier-Armada. Anscheinend aus Platzgründen übersiedelte das Gemeinschaftsunternehmen 1906 in die Reudnitzer Straße 19 in das zweite und dritte Obergeschoss des Hinterhauses. 1908 kam eine Reformschuhfabrik in unmittelbarer Nähe hinzu, die Latschenschmiede belegte das zweite Obergeschoss des Hinterhauses Reudnitzer Straße 15. Die zwei Unternehmen existieren bis Anfang 1911, dann wird die neue Fabrik in der Kochstraße 122 bezogen und Garms verlegt die Produktion dorthin.

(wird fortgesetzt)

Besonderen Dank an Hans, Andreas und Frank!

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