Historie

Rote Hose, schwarzes Hemd

Rote Hose, schwarzes Hemd

Rote Hose, schwarzes Hemd – so waren die Jungs der Leibnizschule am Nordplatz in den 70er und 80er Jahren im Sportunterricht gekleidet. Als ich (B.) letztens zufällig so aussah, fiel mir das wieder ein. Jede Schule hatte ihre Farben. „In welchen turntet Ihr?“, fragte ich in die Runde, und schon trudelten die ersten Antworten ein.

Norbert: „Ich kann es gar nicht mehr so genau sagen: War es rote Hose und gelbes Hemd oder blaue Hose und weißes Shirt? Ich glaube, es war Letzteres. Was eine prima Einheit mit den ’stylishen‘ blau-weißen Turnschuhen ergab. Die Schulzeit habe ich in der 104. Oberschule in der Scharnhorststraße verbracht. Neben der obligatorischen Nummernbezeichnung trug die altehrwürdige Lehranstalt damals noch den fast unaussprechlichen Namen ‚Kliment Jefremowitsch Woroschilow‘. Das riesige, 1883/84 nach Plänen des in Leipzig sehr bekannten Architekten Hugo Licht erbaute Gebäude erhielt in den Jahren eine senkrechte Zweiteilung in die 4. und 104. POS. Die Nachbarschule trug ab 1976 den Namen ‚Amilcar Cabral‘ – rein aussprechtechnisch nicht besser. Verbunden waren die beiden Teile nur räumlich und durch einen gemeinsamen Hausmeister. Zwischen den Schulen herrschte irgendwie seit Anbeginn Spannung.

Ich kann mich noch gut an die riesigen Treppenhäuser, Gänge und Flure erinnern, die uns beim oftmaligen Zimmerwechsel insbesondere in den kleinen Klassen sehr viel Kondition abverlangten. Vorteil der Größe: Der Weg vom Klassenzimmer auf die entsprechende Toilette, auch ohne dass die in der zweiten Etage wieder einmal nicht zu benutzen war, war gefühlt eine kleine Weltreise und somit seeeehr zeitintensiv, wenn man in der Stunde mal musste. Ich verspürte meist in Russisch gesteigerten Harndrang. An die Turnhalle mit Turngeräten aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende – ein Bock und ein Pferd mit Lederbezug, geruchlich scheinbar von einem Pferd der Völkerschlacht stammend, und Kletterstangen, die schier unendlich in den Hallenhimmel reichten – kann ich mich auch noch gut erinnern, ebenso an den Raum für die Schulspeisung im Keller. Der Gang in den Untergrund, das Reich der Alukellen schwingenden Thermoeimer-Hüterinnen, blieb mir jedoch erspart, ich hatte das Privileg: Nach kurzem Heimweg entlang der Scharnhorststraße und Stopp in der Eisdiele – ich glaube, die war an der Ecke von Koch- und Kästnerstraße – gab’s Essen bei Omi in der Arndtstraße.“

Claudio: „Ich kann mich da an meine Kindheit nicht mehr erinnern, glaube aber, dass wir keine Vorgaben hatten, weder in der RiWa, Richard-Wagner-Oberschule in der Karl-Vogel-Straße, noch in der 74. POS, der Theodor-Neubauer-Oberschule in der Friedrich-Dittes-Straße.“

Harald: „Ich war von 1959 bis 1967 an der Herder-Oberschule am Connewitzer Kreuz. Dort war so etwa ab der 5. Klasse als Sportkleidung schwarz-schwarz vorgeschrieben. Das fanden wir als Schüler doof, Buntes wäre uns lieber gewesen. Aber Mitbestimmung gab’s damals nicht. Ab 1967 habe ich eine berufsbegleitende Schule in Zwenkau mit Lehrausbildung in der BBS Böhlen besucht. Dort wurden die Chemiefarben grün-weiß favorisiert, wie, das war jedem freigestellt. In Zwenkau handelte es sich um die damalige 2. POS in der Pestalozzistraße, in Böhlen um die BBS in der Röthaer Straße 44. In Zwenkau war ich von 1967 bis 1969, bin dort täglich mit dem C-Obus hingefahren. An der BBS Böhlen war ich als BmA* bis 1972.“

In der heutigen Zeit gilt an den staatlichen Schulen keine Kleiderordnung im Sportunterricht mehr (ich erkundigte mich sicherheitshalber bei einer Lehrerin danach). Aber auch an der 95. POS in Grünau herrschte bereits in den 1980er Jahren diesbezüglich Freiheit. Wahrscheinlich wollte man die aus allen Ecken Leipzigs herbeigezogenen Schüler in der Frage der Sportsachen nicht unnötig drangsalieren. Entweder trugen sie die Farben ihrer vorherigen Schulen oder was sie wollten – seinerzeit eine ungewöhnliche Erfahrung.

* BmA = Berufsausbildung mit Abitur

Helmholtzschule: Blaue/schwarze Hose, weißes Hemd
Herderschule:
Schwarze Hose, schwarzes Hemd
Leibnizschule: Rote Hose, schwarzes Hemd
Lessingschule: Blauer Gymnastikanzug mit Emblem (Mädchen, 1.-4. Klasse)
Lichtenberg-Gymnasium: Keine Vorgabe
POS Böhlitz-Ehrenberg:
Keine Vorgabe
POS Liebertwolkwitz:
Grüne Hose, schwarzes Hemd
RiWa: Keine Vorgabe
Thomasschule: Grüne Hose, weißes Hemd
3. POS: Grüne Hose, grünes Hemd
7. POS: Schwarze Hose, weinrotes Hemd
19. POS: Schwarz als bestimmende Farbe
25. POS: Keine Vorgabe
27. POS: Keine Vorgabe
57. POS: Grüne Hose, weißes Hemd
74. POS: Keine Vorgabe
95. POS: Keine Vorgabe
104. POS: Blaue Hose, weißes Hemd
157. POS: Blaue Hose, weißes Hemd

POS = Polytechnische Oberschule

Christian: „87./88. POS schrieb vor: Kurze Klamotten für drinnen und im Sommer draußen, Trainingsanzug für schlechtes Wetter und Herbst. Das Georg-Christoph-Lichtenberg-Gymnasium schrieb keine Sportkleidung mehr vor, was dazu führte, dass ich öfter keine dabei hatte. Unser Sportlehrer hatte deswegen später immer ein Outfit zum Ausleihen in petto. Lediglich vorgeschrieben war, nicht betrunken zum Unterricht zu erscheinen. Dabei waren das die lustigsten Stunden …“ Zu den Farben, so Christian, könne er keine Angaben mehr machen.

Turnschuhe, Modell "Pittiplatsch", Foto: Holger Schmelzer
Turnschuhe, Modell „Pittiplatsch“, Foto: Holger Schmelzer

Holger ist schnell auf den Dachboden, seine DDR-Kiste durchwühlen. Das Ergebnis kam als Turnschuh-Foto: „Wer kennt sie noch? Modell: Pittiplatsch. Hatte wohl jeder zum Schulanfang. Ja, meine Laufbahn begann gleich bei mir eine Straße weiter in der 25. POS „Julius Motteler“, auch bekannt als Martinschule in der Martinstraße, im Jahre 1976. Ab 1978 durfte ich dann mit Beginn des 3. Schuljahres die 27. POS „Kurt Günther“ in gleichnamiger Straße besuchen. Dort war ich in einer Klasse mit erweitertem Russischunterricht untergebracht, auch als R-Klasse oder Russenschule manchem heute noch ein Begriff. Kleine Geschichte zur 27. POS: Wir hatten keine Turnhalle, meiner Erinnerung nach wurde sie zerbombt, daher liegt auch heute noch ein Teil des Schulhofes auf einem höheren Niveau. Darunter ist wohl der Schutt der alten Halle. Als Ausgleich hatten wir wir einen großen Turnraum im Erdgeschoss. Er bestand aus zwei ehemaligen Unterrichtsräumen, bei denen die Zwischenwand herausgebrochen war. Desweiteren gab es zwei kleine Turnräume von der Größe jeweils eines Klassenzimmers. Bei beiden von mir besuchten Schulen ist mir keine vorgeschriebene Turnbekleidung bekannt!“