Das Konsulat von Panama

Hans-Driesch-Straße 17

Hans-Driesch-Straße 17

(A.H.) Viele werden sich fragen, was es mit der ruinösen Villa neben dem Linder-Hotel in der Hans-Driesch-Straße auf sich hat. Sie ist ja gerade in der blattlosen Winterzeit nicht zu übersehen, wenn man vom Leutzscher Rathaus in Richtung Sportforum unterwegs ist. Um es vorwegzunehmen: Ein Konsulat war dort auch mal, wenn auch nur für kurze Zeit. Aber der Reihe nach.

Auf der Webseite „Kulturdenkmale des Leipziger Stadtteils Leutzsch“ wird für das Gebäude das Baujahr 1913 angegeben, im Leutzscher Teil des Leipziger Adressbuchs wird ein vermeintlich bewohntes Haus in der Lage aber schon 1910 erwähnt. Eigentümer ist in diesen Jahren eine Frau Jacob, wir sind in der damaligen Leipziger Straße 22 in der noch selbständigen Gemeinde Leutzsch.

1919 erwirbt der Fabrikdirektor Carl Brunn das Anwesen und logiert auch dort. Leider wissen wir nicht, in welcher Branche Herr Brunn erfolgreich war. Oder war er es nicht? Zumindest musste schon ein Jahr später ein Untermieter her, ein gewisser Oberingenieur Michler übernahm diese Rolle 1920. Doch keine zwölf Monate später war es Carl Brunn, der sich auf Wohnungssuche begab und im „bescheidenen“ Waldstraßenviertel eine Bleibe fand. Ex-Mieter Michler fungierte noch 1921 als neuer Hausherr.

Und wer war Herr Michler? Bei dem neuen Besitzer besagten Domizils handelte es sich um den Gießereiingenieur Karl Hermann Michler, welcher im Februar 1914, erst 25jährig, in die Geschäftsleitung der Gießerei Edmund Becker & Co. in der Leutzscher Junghanßstraße 7 (jetzt Einkaufszentrum Leutzsch-Arkaden mit REWE u.a.) eintrat. Er war Edmund Beckers zweiter Schwiegersohn und übernahm die technische Leitung des Betriebes. Der erste Schwiegersohn war Diplomkaufmann Ernst Härtwig, er hatte dort schon seit 1911 die kaufmännische Leitung inne. Familie Michler wohnt zuvor in der Leutzscher Bismarckstraße 8, der heutigen Baumgarten-Crusius-Straße.

Neben seinen Aktivitäten in der Gussbranche meinte Carl (frühere Schreibweise) Michler sich auch noch um die Interessen von Angehörigen eines Entsendestaates im Empfangsstaat kümmern zu müssen – nach der Definition ist man dann Konsul – Michler votierte für Panama. In dem Zusammenhang ist wohl auch seine Reise von Bremen nach New York an Bord der „Columbus“ am 26. Januar 1928 zu sehen, und zwar I. Klasse mit dem Norddeutschen Lloyd. Plauderstunde in Michlers Villa zu Angelegenheiten rund um das lateinamerikanische Land war täglich außer Sonntag von 9 bis 10 Uhr. Zuvor befand sich das Konsulat von Panama in der Nonnenmühlgasse 6 und wurde von Dr. Otto Lutz geleitet, ab spätestens Ende 1927 war es in Leutzsch unter der Regie von Konsul Karl Michler zu finden.

Leutzsch wurde zwar schon am 1. Januar 1922 nach Leipzig eingemeindet, mit der Anpassung der Straßennamen hatte man es allerdings nicht eilig. In unserem Fall erfolgte diese erst 1930. Die Leutzscher Rathausstraße, bisher von der Franz-Flemming-Straße bis zur heutigen Rathenaustraße verlaufend, wurde mit der Leipziger Straße zusammengelegt. Damit änderte sich auch die Nummerierung der Grundstücke – nun beginnend vom Waldstück „Gottge“ über das Leutzscher Rathaus bis zur Franz-Flemming-Straße. Seither trägt die Michler-Villa die Hausummer 17. Für Hobby-Grenzer vielleicht noch ganz interessant: Die alte Demarkationslinie zur Reichsmessestadt verlief einst genau in Höhe Einmündung Friesenstraße über die Pflastersteine der heutigen Hans-Driesch-Straße.

1933 wurde die Beckersche Eisengießerei in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, Großaktionär war (1943) die Adam Opel AG in Rüsselsheim. Michler modernisierte den Betrieb konsequent, ein rasanter Aufschwung war die Folge. An der Merseburger Landstraße gründete er im August 1936 zudem mit weiteren Gesellschaftern die Metallgussgesellschaft – die MEGU war geboren. Aus diesem Grund musste Michler wohl seine Ambitionen als überseeischer Mentor aufgeben, die konsularischen Tätigkeiten am Standort Leutzsch nahmen ein Ende. Den Mittelamerikanern wurde ab 1933 in der Inselstraße 31 unter den Panama-Hut geschaut. Gleichwohl behält Michler seinen Titel „Konsul“.

1935 wird die Leipziger Straße unter Beibehaltung der Hausnummern in Graf-Spee-Straße umbenannt. Der Namensgeber ist aber mitnichten ein Protagonist des altbekannten DDR-Seifenpulvers aus Genthin, Maximilian Reichsgraf von Spee war Marineoffizier bei der Kaiserlichen Marine und musste schon vier Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs samt seiner „Scharnhorst“ und beiden Söhnen infolge eines missglückten Gefechts bei den Falklandinseln mit einem Seemannsgrab vorlieb nehmen.

Generaldirektor Michler lebte auch bis nach 1943 in seiner Villa, Veränderungen gab es allerdings in unternehmerischer Hinsicht. So fusionierten Anfang der 1940er Jahre die Metallgussgesellschaft mit dem Metallgusswerk Karl Michler GmbH, beide waren am selben Standort in der Gutenbergstraße 10 in Böhlitz-Ehrenberg zu finden. Schließlich wurden am 14. Januar 1942 alle Gesellschafteranteile an die IG Farben Industrie AG in Frankfurt am Main veräußert.

Leider wissen wir nicht, wohin es Karl Michler nach 1945 verschlagen hat. Unter den Bewohnern in seiner einstigen Behausung war er nicht mehr zu finden. Die vier Familien in Michlers Villa erfahren 1947 wieder mal eine Straßennamenänderung, der alte Seekrieger Spee versank nun endgültig in den Fluten des Vergessens, die Straße wurde nach dem Biologen und Philosophen Hans Adolf Eduard Driesch benannt, welcher unter anderem in Leipzig ab 1921 als ordentlicher Professor und Direktor des Philosophischen Seminars der Universität Leipzig wirkte. Zur Nutzung der Gemächer in der Hans-Driesch-Straße 17 zu DDR-Zeiten ist uns nichts bekannt, zumindest war das Haus bewohnt und wurde damit erhalten.

Nach der Wende begann der schleichende Verfall, gepaart mit spektakulären Ereignissen der unschönen Art. Neben einem Leichenfund im Dezember 1998 erlangte Michlers einstige Residenz in der hiesigen Presse im April 2011 wieder leuchtende Aufmerksamkeit – nach einer Brandstiftung. Dem schützenden Dach beraubt, sind Marmorausstattung, Stuck und originale Ausmalung härtesten Prüfungen ausgesetzt, die Bleiverglasung der Fenster ist dank diverser Wurfgeschosse nicht mehr wahrnehmbar. Das Gartenhaus gerät in eine bedrohliche Schieflage, die Remise wird zur Rumpelkammer und der Pavillon ist weg. Die schützenswerten Bestandteile der Michler-Villa lösen sich in Wohlgefallen auf. Im Winter 2016 ist dieser Zustand unverändert – wo geht die Reise hin?

Quellen:
Leipziger Adressbücher 1910-1949 – Online-Version SLUB
Deutschlands Städtebau – Leipzig, 1923, DARI Deutscher Architektur- und Industrie-Verlag Berlin-Halensee
150 Jahre Leipziger Gießerei-Geschichte, 1999, Edition Leipzig
LVZ vom 29.12.1998
LVZ online vom 25.04.2011

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