Der Riese von Gerbisdorf

Schaufelrad-Denkmal bei Gerbisdorf (Foto: Norbert Lotz)

(N.L.) Dort wo vor Jahrmillionen Bäume im Morast versanken und zum schwarzbraunen Gold wurden, versanken vor nicht mal 100 Jahren wieder Bäume, Straßen, Häuser oder gar ganze Dörfer in den großflächigen Tagebaulöchern auch hier im Bereich, zwischen Delitzsch und Bitterfeld sowie im Südraum Leipzigs. Riesige Ungetüme aus Stahl fraßen sich durch die Landschaft. Der Wind trug das Quietschen der Kettenschaufeln bei Tag und Nacht weit übers Land. Beängstigende Töne, zeugten sie doch vom langsamen Sterben ganzer Landstriche, Meter um Meter. Als Hinterlassenschaft dieses „Kohlehungers der Republik“ blieb eine öde Landschaft. Über Jahrzehnte instabile, weder betretbare noch nutzbare Halden, karg begrünt, meist von Birkenwäldchen. Ringsum Dörfer und Städte, die Schlafstätten für Tausende Kohlearbeiter waren und mehr zum Weg- als zum Hingehen einluden.

Inzwischen hat sich das Bild geändert. Rekultivierte Landschaften mit blauen Flecken von aus Tagebaulöchern entstandenen Seen zeugen vom Umbruch einer ganzen Region. Die Gewässer tragen teils Namen, die ihre Lage eher im Raum Brandenburg vermuten lassen (Werbeliner See). Dort wo ehemals keiner hinwollte („Im Leben nicht!“), spürt man nun die Magie der Wellen. Zur Erholung, zur Entspannung und für sportliche Aktivitäten, die Leipzigern sonst nur nach Reisen in die fernere Umgebung möglich gewesen waren. Einfach schön!

An manchen Orten findet man noch Zeugnisse der Vergangenheit, gewollt oder ungewollt. Ich war an einem solchen gewollten Ort, am sogenannten Schaufelrad-Denkmal bei Gerbisdorf (nördlich von Radefeld). Dort befand sich der 1889 aufgeschlossene Tagebau Breitenfeld. Dort zuletzt im Einsatz war ein wahres Ungetüm aus Stahl, ein 6.500 Tonnen schwerer Schaufelradschwenkbagger SRs 6300. Das 1989 im VEB Kombinat TAKRAF gebaute Fördergerät gehörte zu den leistungsstärksten seiner Art auf der Welt. Zahlen, die von technischer Leistungsfähigkeit zeugen, klingen heute eher erschreckend: Mit 18 Schaufeln konnte sich der Bagger bis zu 50 Meter tief ins Erdreich graben und dabei im Verbund mit dem nachfolgenden Verladegerät effektiv 200.000 Kubikmeter Erde pro Tag umwälzen. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

Ursprünglich war der Betrieb des Tagebaus Breitenfeld bis 2005 vorgesehen. Er hätte dann bis in den Raum unmittelbar nördlich von Wiederitzsch, Lindenthal und Lützschena gereicht. Dazu hätte man gar die Autobahn verlegt und weitere Dörfer geopfert. Doch es kam Gott sei Dank anders. 1991 wurde der Tagebau stillgelegt. Das Kohlsche Versprechen der „Blühenden Landschaften“ stand im Raum. Im November 1996 brachte eine Detonation den riesigen Kohle-Förder-Koloss (Gesamtlänge im Verbund 243 Meter, Höhe des Baggers 64 Meter, Breite 44 Meter) zu Fall. Aus 15 Metern Höhe krachte das im Durchmesser 17 Meter große, markante Schaufelrad auf die Erde. Mit dem Gedanken, später einen kleinen Industriepark zu errichten, wurde das circa 190 Tonnen schwere Teil gesichert und vor der Verschrottung bewahrt. 1999 wurden das Rad und andere Teile der einstigen Tagebautechnik als Sachzeugen der Industriekultur in der Nähe von Gerbisdorf aufgestellt. Bei einem Besuch vor Ort beschleicht einen ein Gefühl aus Ehrfurcht, Achtung, Dankbarkeit und Zufriedenheit – Zufriedenheit über das Jetzt und Hier!

Auf eine der riesigen Schaufeln am sichtbar durch die Sprengung deformierten Rad setzte sich eine Amsel (leider habe ich kein Foto für Euch, sie war zu schnell), als wollte sie triumphierend sagen: Ätsch, alter Riese, von Dir ist nicht mehr viel übrig!

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