Leipzigs große Schüssel

Glockenturm am Stadion

Glockenturm am Stadion

Vorgänger der mittlerweile bundesweit bekannten Red Bull Arena war das Leipziger Zentralstadion, welches 1956 eingeweiht wurde und einst 100.000 Zuschauern Platz bot. Bei einem Fußballspiel im Jahr 1957 bildeten hier sogar 110.000 Leute die Kulisse! Ein ähnlicher Andrang herrschte bei den Deutschen (und später ostdeutschen) Turn- und Sportfesten …

1928 erfahren Leser der vom Rat der Stadt veröffentlichten Broschüre „Leipzig in Wort und Bild“: „Wer in der Entwicklung des Turnens und des Sports in Deutschland Bescheid weiß, kennt Leipzigs Bedeutung in der Vergangenheit bis zur jüngsten Gegenwart. Die Stadt an der Pleiße war und ist die Hochburg der Deutschen Turnerschaft, die Stadt, wo Götz und Lion* wirkten, die zwei hervorragende Deutsche Turnfeste**, 1863 und 1913, sah …“

Und weiter: „Aber nicht nur in den vergangenen Tagen leuchtete Leipzigs Namen auf unseren Gebieten, für die Zukunft will es etwas ganz Besonderes schaffen. Das Gelände auf den Frankfurter Wiesen, an dem einzigartig schön gelegenen Hochflutbecken, im Herzen der Stadt, wird nach Plänen, die bereits vom Amte für Leibesübungen fertiggestellt sind, zu einer Stadionanlage erstklassigster Art umgewandelt werden.“ Das Amt und die Ausführenden kamen nicht mehr dazu.

Jahrzehnte später sieht der Rückblick so aus (Zitate nachfolgend aus „Zentralstadion 1956-1996, Chronik“): „Das Gebiet um das heutige Zentralstadion kann als traditionelles Sportgelände bezeichnet werden. Der 1867 gegründete bürgerliche Turnverein TV 1867 hatte hier seine Übungsstätten; etwa ab 1920 war es ein Sportplatz auf der heutigen Nordanlage des Sportforums. Daneben schlossen sich ein Universitätssportplatz und eine städtische Sportanlage an. An der heutigen Goyastraße befand sich das Poseidon-Bad eines bürgerlichen Schwimmvereins, gegenüber lag am Elsterkanal ein öffentliches Freibad, das sogenannte Arbeitslosenbad.“

„Bereits ausgangs des 19. Jahrhunderts gab es erste Pläne, auf dem Gelände der Frankfurter Wiesen ein großes Stadion zu errichten.“ – „Die Bauzeit lag zwischen Mai 1955 und Ende Juli 1956.“ Am 4. August 1956 fand die Einweihung des Zentralstadions statt. Rund 1,5 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt wurden u.a. für die Wälle verwendet. Im Mai 1957 sahen hier 105.000 Zuschauer das Fußball-Länderspiel DDR – Wales (2:1), kurz darauf, im Oktober 1957, waren gar 110.000 Sportsfreunde im Stadion (DDR – CSR 1:4)! Das dürfte der ewige Besucherrekord sein und bleiben.

Ausführlich u.a. mit der Errichtung der „Schüssel“ befasst sich das Buch „Zentralstadion Leipzig – Vom Stadion der Hunderttausend zum Fußballtempel“ (Verlag Das Neue Berlin, 2006). Erzählt wird da z.B. vom jungen Architekten Eitel Jackowski, vom Freiwilligenwerber und Motivator Heinz Haferkorn und der um einiges längeren als der offiziellen Bauzeit.

Die Partie gegen Wales wird hier von 108.000 Zuschauern gesehen, beim Spiel gegen die Tschechen sind 120.000 zugegen – DDR-Torwart Rolf Jahn hatte sich schwer am Rücken verletzt („… eine Auswechslung war damals noch nicht möglich“) und ließ aus diesem Grunde vier Bälle passieren. Die Berichte der lange vergangenen Spiele zu lesen, fasziniert noch heute!

„Das Zentralstadion Leipzig wurde in den 50er Jahren unter maßgeblicher und freiwilliger Beteiligung der Bevölkerung errichtet“, heißt es in dem im Januar 2000 von der Stadt Leipzig (Zentralstadion Leipzig GmbH – Besitzgesellschaft) herausgebrachten Großformat „Sportforum Leipzig – Umgestaltung Zentralstadion“.

Sowie: „Mit seinem Fassungsvermögen von 100.000 Zuschauern war es das größte Stadion Deutschlands … Heute befinden sich die Anlagen in einem sehr schlechten Zustand … Die Aussicht jedoch, bei einer in Deutschland stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2006 im Leipziger Stadion WM-Spiele zu sehen, beflügelte den Tatendrang der Leipziger und ihrer Stadtverwaltung … Am 29.10.1997 wurde das vorgelegte Projektkonzept vom Leipziger Stadtrat grundsätzlich bestätigt.“ Unter anderem mit 45.000 statt 100.000 Plätzen.

Und in der Veröffentlichung „Sport in Leipzig“ (Stadt Leipzig, Sport- und Bäderamt, 1996) ist das Gebiet um das Zentralstadion auf einem Luftbild zu sehen – mit Schwimm- und Hockeystadion, mit Sportgymnasium und Sportwissenschaftlicher Fakultät (ehemalige DHfK = Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport), ohne verlängerte Marschnerstraße und ohne Arena***.

Wolfgang Tiefensee, zu der Zeit Bürgermeister und Beigeordneter für Jugend, Schule und Sport der Stadt Leipzig, sagt u.a.: „Der Titel einer Sportstadt wird jedoch nicht allein durch den Breitensport errungen. Es ist auch ein hochentwickelter Leistungssport notwendig sowie Sportanlagen, auf denen attraktive internationale Sportwettkämpfe ausgetragen werden können. Dazu ist in Leipzig der Bau einer Mehrzwecksporthalle*** und die Schaffung eines modernen Stadions erforderlich.“ Beide sollten u.a. „als Trainingsstätten für den Leistungssport“ dienen.

* nicht weit voneinander entfernt gibt es in Lindenau das Götzhaus (jetzt: Schnitzelrestauarant „Schnizz“) und die Lionstraße
** von 1954 bis 1987 fanden in Leipzig acht große Turn- und Sportfeste statt, die ersten drei als Deutsche Turn- und Sportfeste, ab 1963 dann unter der Bezeichnung Turn- und Sportfeste der DDR, ab 1956 jeweils im Zentralstadion; 2002 war unsere Stadt zudem Gastgeber des Deutschen Turnfestes
*** die Arena (am Waldplatz)

siehe auch unseren Beitrag „Stadion der 100.000“ (Dezember 2012)

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