Eiscafé und Kuchengarten

Gulshad und Roberto

Gulshad und Roberto

Vanille, Schoko, Frucht – diese übersichtliche Auswahl hatten wir einst. Stolze 18 Sorten selbstgemachtes Eis halten Gulshad und Roberto täglich im San Marco bereit. Das Eiscafé der aus Aserbaidschan stammenden Russin und des Italieners befindet sich in der Dresdner Straße, kurz vor deren Übergang in die Breite Straße und der Einmündung in die Wurzner Straße. Seit 2004 ist es hier. Vorher produzierte und verkaufte Roberto sein Eis acht Jahre lang in der Prager Straße.

Der blonde Italiener kommt von der Adria, aus dem Gebiet um Rimini. Seine Frau wuchs in Baku auf, ihr in unseren Ohren ungewöhnlicher Vorname hat tatarischen Ursprung. Nun leben beide in einer der „Flaniermeilen“ von Reudnitz und bieten neben Eis in vielen Bechern (z.B. Erdbeereisbecher für 4,70 Euro) auch Pizza, Ciabatta, Baguette (ab 2,30 Euro) und einiges mehr an. Der Espresso im San Marco schmeckt italienisch und kostet nette 1,30 Euro, der Cappuccino 1,50 Euro.

Mit Eis, Kaffee oder Herzhaftem setzt man sich rein oder raus und beobachtet das Hin und Her auf der Dresdner Straße. Nebenan ist das Knicklicht, gegenüber das Goldne Lämmchen, rechts schräg gegenüber ein Kaufland im ehemaligen Straßenbahnhof Reudnitz und links schräg gegenüber der ehemalige Kleine Kuchengarten, vor Generationen ein berühmtes Ausflugslokal. Unweit befinden sich auch die seit Jahrzehnten geschlossene Grüne Schenke (Breite Straße / Ecke Wurzner Straße), ein Tanzlokal von nicht durchgehend einwandfreiem Ruf, sowie der Ramdohrsche Park, den – zu unrecht – wahrscheinlich nur die Anwohner kennen. Kuchengarten, Schenke und Park liegen auf Anger-Crottendorfer Flur.

Der Kuchengarten spielt u.a. bereits in dem 1781 erschienenen Buch „Die Promenaden bey Leipzig“, das 1990 vom F.A. Brockhaus Verlag neu aufgelegt wurde, eine Rolle. Im Kapitel „Der Spaziergang in den Kuchengarten“ flanieren zwei Leipziger raus vor die Stadt, über die Milchinsel und die Kohlgartenstraße: „… zu Händeln gehn wir heut, in großen Kuchengarten“.

Großer Kuchengarten? Kleiner Kuchengarten? Ulla Heise bringt Licht in die Küche bzw. Backstube. Sie schreibt: „Als die Mode des Kaffeetrinkens im 18. Jahrhundert immer mehr um sich griff …, brach in allen Vorstädten das von pfiffigen Unternehmern initiierte Leipziger Kuchenzeitalter aus.“ Und sie weiß weiter: „… an den Nagel hängte der Zimmermann Samuel Händel den erlernten Beruf, als seine Frau 1763 ein Grundstück mit Obstbaumbestand in Reudnitz erbte, auf dem Händel durch Um- und Ausbau den (Großen) Kuchengarten (ehemals Kohlgartenstraße 23) eröffnete, der bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zu den beliebtesten Familienlokalen zählte.“

Der Kleine Kuchengarten in der Breiten Straße 2 wiederum bekam „mit der Genehmigung, Konzerte abzuhalten (1840), und vor allem mit der Eröffnung der Leipziger Pferdebahn (1872) großen Zulauf“. In Ulla Heises 1996er Band „Zu Gast im alten Leipzig“, aus dem die Zitate entnommen sind, ist der Kleine Kuchengarten auf einer Aufnahme von 1890 zu sehen. Ein Teil des Gebäudes blieb erhalten und wird heute vom Autocenter Reudnitz genutzt. Drumherum sieht man sogar noch Garten …

Im Kunstdruckalbum „Leipzig um die Jahrhundertwende – Zeichnungen und Aquarelle von Heinrich Georg Drescher“ (erschienen 1989) haben wir noch etwas über die Grüne Schenke gefunden: „1248 wird Reudnitz als erster von allen Dorfnamen im Osten Leipzigs genannt. Der Ort entwickelte sich bis zur Eingemeindung 1890 zu einer der größten und reichsten Dorfgemeinden Sachsens. Die ‚Grüne Schenke‘ gehörte zu den am meisten besuchten Gasthöfen. Hier kam Wernesgrüner Bier zum Ausschank, damals eine Art Weißbier. Das Lokal war berüchtigt durch viele Prügeleien. Von Studenten aufgestellte Posten mußten hier die nach Leipzig kommenden Studenten aufhalten und dazu bringen, in ihre jeweilige Verbindung einzutreten. Gegenüber im ‚Kleinen Kuchengarten‘ wurden die Mensuren ausgetragen. Das alte Gebäude der ‚Grünen Schenke‘, ein ländlicher Bau mit Walmdach, wurde 1891 abgebrochen und durch das noch heute in der Breiten Straße stehende Haus mit einer Gaststätte gleichen Namens, die jedoch gegenwärtig nicht mehr besteht, ersetzt.“

„Auch in den 1960er und 70er Jahren war die ‚Grüne Schenke‘ ein Ort vergnügungslustiger Menschen. Dienstags und donnerstags gab es auf dem herrlich gepflegten und geräumigen Parkett den berühmten Wechselball. Eine Fundgrube für Anschlußsuchende“, berichtet Dieter Bolle im Heft Leipziger Osten 3, das 1994 vom Verlag im Wissenschaftszentrum Leipzig veröffentlicht wurde. „Nicht bei jedermann fand diese Art der Kommunikation Verständnis; eher neigte die Allgemeinheit dazu, diese Art und den Ort als nicht standesgemäß abzutun. (…) Ich kann nur sagen, daß es ein Vergnügen war, wenn man sich – auf nie ausgelasteter Tanzfläche – bei exzellenter Tanzmusik der Kapelle Krell bewegen konnte.“

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