Grünau ist kein Ghetto

Caruso in Aktion

Caruso in Aktion

Grünau ist keinesfalls ein Ghetto, denn dafür ist es zu schön. Auch wenn es als Neubaugebiet nicht über den Charme älterer Viertel verfügt, präsentiert es sich wirklich grün und liegt nah am Kulkwitzer See sowie nah an Kanal und Lindenauer Hafen. Wohnen am Wasser. Doch wir sind nicht die Verkaufsförderer dieses von der Einwohnerzahl her gesehen schrumpfenden Stadtteils. Andererseits haben einige von uns hier ihre Jugend verbracht und immer noch persönliche Verbindungen speziell in den WK 7. WK heißt Wohnkomplex, es gibt acht davon, den WK 6 aber nur auf dem Papier. Wir jedenfalls kennen ihn nicht.

Im „Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Leipzig“ von 1978 (in dem u.a. auch von der Grundsteinlegung des Gewandhauses am 8. November 1977 berichtet wird) ist ein ausführlicher Beitrag wie folgt überschrieben: „Das Wohngebiet Leipzig-Grünau – Ein Beitrag zur Lösung der Wohnungsfrage der Stadt Leipzig“. Auf einem darin abgedruckten Plan liegt der WK 6 zwischen Schönauer Park und Lindenauer Hafen.

„Die Grundstruktur des Wohngebietes wird durch die S-Bahn-Trasse geprägt“, steht da – heute fährt hier keine S-Bahn mehr. Grünau bringt Opfer für den City-Tunnel. Interessant auch das: „Für die Komposition des Wohngebietes waren folgende Prinzipien wichtig: Die 11geschossigen Gebäude und die 16geschossigen Höhendominanten markieren die Schwerpunkte des Wohngebietes … und schaffen damit Orientierungspunkte.“ Viele solcher Orientierungspunkte sind nach 1990 abgerissen worden. Unserer Meinung nach gibt es z.B. im WK 7 keine Elf- und auch keine 16geschosser mehr, und im Neptunweg bissen die Caruso-Bagger gerade auch die kleinen, harmlosen Sechsgeschosser weg.

In einem Haus solchen Typs haben wir gewohnt, kannten logischerweise Leute aus den Elfgeschossern und den auch Punkthochhäusern genannten 16geschossern, die vor Errichtung des neuen Stadtteils Grünau bereits u.a. in der Straße des 18. Oktober gebaut worden waren. In den 16geschossern gab und gibt es ganz oben Wohnungen über zwei Etagen – beeindruckend für uns als Jugendliche.

Das 1978er „Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Leipzig“ erklärt unter der Überschrift „Standortwahl Leipzig-Grünau“ u.a.: „… wird mit dieser Standortwahl die strukturelle Entwicklung der Stadt Leipzig insgesamt verbessert. Darunter ist insbesondere folgendes zu verstehen. In Leipzig gibt es noch territoriale Disproportionen … Zum Beispiel hat sich im Leipziger Westen eine Vielzahl von Industriebetrieben angesiedelt, jedoch ein großer Teil der Arbeiter wohnt im Osten der Stadt. Das erfordert viel Zeitaufwand für den Berufsverkehr. Diese territorialen Disproportionen werden mit der Standortpolitik für das Wohnungsbauprogramm in Etappen beseitigt.“

Darum also zogen so viele Familien aus der Gegend um die Eisenbahnstraße (damals Ernst-Thälmann-Straße) nach Grünau! Allerdings wurden dort im Osten nach teilweisem Abriss der Altbauten ebenso Neubauten hochgezogen, lauter kleine Grünaus, Schönefelds, Mockaus, Lößnigs. Irgendwann einmal hätten Leipzig und die ganze DDR nur noch aus Neu- bzw. Plattenbauten bestanden, mit ein paar Alibi-Zeitzeugen dazwischen. Keine schöne Vorstellung.

Nachtrag am 24.10.2014: Die S-Bahn fährt seit einiger Zeit wieder bis hinter zur Miltitzer Allee (wir hatten daran gezweifelt). Außerdem berichtet die Leipziger Volkszeitung heute von hunderten neu zu bauenden Wohnungen im Stadtteil: „Sogar ein Hochhaus soll entstehen, obwohl es erst zehn Jahre her ist, dass elf der einstmals 16 Hochhäuser in Grünau dran glauben mussten“. Bekloppt! Auch 2012, siehe unsere Bilder, wurde noch abgerissen ….

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