Im Hafen schlafen

Lindenauer Hafen

Lindenauer Hafen

Was derzeit nur Außenseiter und Wagemutige fertigbringen, wird in wenigen Jahren wahrscheinlich zur Massenbeschäftigung – im Hafen schlafen. Wenn nämlich am äußersten Ende von Lindenau neue Häuser stehen, mit Schlafzimmern, Bädern usw., macht sich das auch viel einfacher. Wir waren unlängst nochmal vor Ort.

Außerdem wollen wir bei der Gelegenheit auf das „Hafen“- bzw. Speichergebäude hinweisen, das in der Essener Straße sein karges Dasein fristet und nicht zufällig wie die „Geschwister“ in Lindenau aussieht. Selber Zweck, selber Bauherr, selbes Architekturbüro – auch ohne Hafen (siehe Marc Mielzarjewiczs Buch „Lost Places Leipzig – Verborgene Welten“).

In der LVZ vom 5. April 1991 beschäftigte sich Hans Seidel mit dem alten „Traum von der See- und Hafenstadt“ Leipzig und nannte Gedankenspiele aus der Karl-Heine-Zeit: „Hafenbecken sollten u.a. auf dem Gelände des heutigen Arthur-Bretschneider-Parkes, des Straßenbahnhofes Angerbrücke, am Klingerhain, an der Wittenberger Straße sowie in Anger-Crottendorf entstehen.“

Karl Heines Westend-Baugesellschaft schaffte mit dem Kanalbau schließlich Tatsachen – der Bau eines Hafens und der Anschluss an Elbe oder Saale standen allerdings noch aus. „Doch für die Verwirklichung des Projektes fehlte immer wieder das Geld. Daran änderte sich nicht viel, als 1927 die Stadt und die Landesregierung einen Vertrag über die Kostenaufteilung abschlossen.“

Nach 1933 wurde im Leipziger Westen zunächst wie wild gebuddelt, zehn Jahre später war damit Schluss. In Lindenau gab es nun einen Hafen ohne Verbindungen zu anderen Gewässern, Rückmarsdorf jedoch bekam keinen Industrie- und Burghausen keinen Ölhafen (Hans Seidel erwähnte solche). Aus heutiger Sicht haben beide Orte damit richtig Schwein gehabt! Da reicht schon das neuerdings erlaubte Motorbootgetucker auf dem Kanal …

Auf den offiziellen Internetseiten unserer Stadt, www.leipzig.de, ist viel über den Lindenauer Hafen zu erfahren, u.a. Folgendes über seine Zukunft: „Das Ostufer wird Stadt. Entlang der zukünftigen Kanalverbindung ist ein Stadtquartier geplant, das in seinen Bau- und Raumstrukturen an den Stadtteil Lindenau angebunden wird. Entstehen sollen sowohl attraktive Eigentumswohnungen und Selbstnutzerprojekte als auch Mietwohnungen und Gewerberäume in unterschiedlichen Preissegmenten.

Das Westufer bleibt naturnah und wird stärker noch als heute Teil der umgebenden Landschaft. Die Zugänglichkeit zu diesem Gebiet wird allerdings verbessert. Im Süden begrenzt die Lützner Straße das neue Viertel, im Norden die vorhandene unter Denkmalschutz stehende Speicherbebauung. Die Landschaft im Westen, die dichte Vegetation entlang der Hänge nach Lindenau und das Wasser geben dem neuen Viertel einen natürlichen Rahmen.“

Liest sich wie reines Marketing – zumal in den letzten Jahren im benachbarten Grünau Unmengen von Wohnungen abgerissen worden, aber im Hafen guckt man auf Wasser. Wir warten ab und halten für alle Fälle den alten, wilden Zustand auf Bildern fest. Immerhin gibt es ja schon ein Hafenbüro (das allerdings nichts mit der neuen Bebauung zu tun hat).

www.hafenbuero-leipzig.de

Nachtrag: In der Broschüre „Historisches rund um Grünau“ (1988) haben wir Interessantes zu den Hafengebäuden gefunden. „Im mittleren Hafenspeicher, der für die damalige Hafen-Lagerhaus-Gesellschaft HA-LA-GE als Getreidesilo erbaut wurde, befindet sich heute das Großlager II des Kombinates Getreidewirtschaft, und südlich davon erstrecken sich die Betriebsanlagen des Kraftfuttermischwerkes Leipzig.“ – „Im nördlichen Bereich des Hafens befindet sich der VEB Hopfenverarbeitung, der 1972 aus dem halbstaatlichen Betrieb M.R.A. Schneider hervorgegangen ist.“ – „Durch eine Explosion entstand 1964 am Silo großer Gebäudeschaden.“ (Unser Leser Frank Miller teilte uns mit, dass es am 14.05.1966 um 2.55 Uhr zur Explosion gekommen sein muss. Er besitzt Unterlagen eines Sicherheitsinspekteurs, der den Unfall damals aufgenommen hat. Vielen Dank für den Hinweis!)

Nachtrag am 23.10.2014: Das „Projekt Lindenauer Hafen kommt nicht aus dem Schlamm“, erfahren wir aus der Leipziger Volkszeitung: „Bis heute gibt es für keines der sechs Areale, die im ersten Vermarktungsschritt feilgeboten wurden, einen Notartermin. Im Gegenteil: Soeben sprang mit der Wohnungsgenossenschaft Lipsia ein großer und solventer Investor wieder ab … weil sie sich von der LESG getäuscht fühlte.“

Nachtrag am 04.08.2015: Nach 25 Jahren Leerstand tut sich etwas am alten Getreidespeicher in der Essener Straße, ein Autohändler zieht ein. Das meldet heute die LVZ und verrät in der Bildunterschrift, dass das Gebäude 1937 für die Firma Karl Seifert errichtet worden war.

,

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen