Ansehen Leute

Leipziger Wundertüte

Leipziger Wundertüte 1

In verschiedenen Kisten und Kartons lauern nicht mehr ganz taufrische Fotos auf ihre Wiederentdeckung. Wir versetzen uns zurück in die 1990er Jahre und sind in Möckern, Böhlitz-Ehrenberg, Gohlis und der Innenstadt in einer Zeit, zu der der offizielle Slogan unserer Stadt „Leipzig kommt“ lautete. Auch hinterm Goldnen Löwen (Georg-Schumann- / Ecke Laubestraße), der lang schon abgerissen ist, sah es damals wild aus. Dort nahmen wir den Gegen-Slogan „Leipzig (ver)kommt“ auf*.

Das Wasserwerk Böhlitz-Ehrenberg fotografierten wir im Sommer 1995, heute fragen wir uns, ob es noch steht und sich eventuell um das einsame ferienhausähnliche Gebäude hinter dem DHfK-Ruderstützpunkt am Elster-Saale-Kanal bei Burghausen handelt. Denn in der Gegend sind wir damals herumgelaufen. Bei der Wahlwerbung für Peter Kaminski wiederum wissen wir genau, dass die abgelichteten Plakate in der Reichsstraße zu sehen waren**, und das von Radio Leipzig fiel uns seinerzeit in der Pittlerstraße in der Nähe der Norma-Filiale auf.

Bleibt noch das aufblasbare Riesen-Handy aus den Tagen, in denen der Ehrgeiz darin bestand, die Geräte immer kleiner werden zu lassen. In Anspielung auf DDR- bzw. Ostblock-Computertechnik-Witzeleien scherzten wir im Jahr 2000: „Sowjetische Mittelstreckentelefone eingetroffen!“

* Der Leipziger Fotograf Corwin brachte 2006/07 in der Edition PaperOne sein Buch „Leipzig verfällt – Die Straßen und Gassen von Leipzig, wo die Welt nicht zu Gast bei Freunden ist“ heraus. Susi und Holger haben es uns ausgeliehen, so dass wir drin blättern und gedanklich durchs alte Connewitz, Lindenau oder Zschocher schlendern können. Das Vorwort stammt übrigens von Michael Schweßinger („In darkest Leipzig“).

Zu Gast bei Freunden – das war doch ein weiterer Slogan, nämlich der der Fußball-WM von 2006, welche auch in Leipzig ausgetragen wurde. Edeka in Böhlitz-Ehrenberg (an der Kreuzung in Gundorf, jetzt ein Portas-Geschäft) wies bereits damals in aller Offenheit darauf hin, worum es eigentlich und heute immer noch geht: „Kaufen wie die Weltmeister!“

** OBM-Wahlkampf 1998, gewonnen hat Wolfgang Tiefensee (SPD), Peter Kaminski war für die CDU angetreten und Dritter geworden, Platz 2 belegte Lothar Tippach (PDS). Auf dem ersten abgebildeten Plakat macht Peter Degner Werbung für Peter Kaminski.

Nachtrag am 02.10.2022: Sven brachte es auf unserer FB-Seite prima auf den Punkt: „Die 90er Jahre waren eine tolle Zeit, da gab es noch Freiheit, wenig Bürokratie, alles schien möglich … Leipzig ist sehr schön geworden, wie ich finde, die Seen, der Wald, das Umland. Aber die Aufbruchstimmung ist weg, alles muss perfekt sein und wird bis zum erbrechen ausgewertet / ausdiskutiert, es wird nichts mehr entschieden sondern zerredet …“