Monika Kirsts Leutzsch, Teil 2

Lacke und Farben in Leutzsch

Lacke und Farben in Leutzsch

Ende 2017, selbstverständlich noch vor Weihnachten, wie sich das für ein ordentliches Buch gehört, erschien in der Reihe „Böhlitzer Hefte“ der zweite Band von Monika Kirsts Leutzsch-Erinnerungen und traf erneut auf unser ungesättigtes Interesse an Leipziger Stadtteilgeschichte. Die Autorin setzt im persönlichen Erzählton fort wie gehabt, unterstützt von Peter Hartmann und der Böhlitz-Ehrenberger Werbeagentur Kolb (darum Böhlitzer Hefte). Sie beginnt mit einigen Reaktionen auf Band 1 und u.a. der Neuigkeit, dass das Verwaltungsgericht in der Rathenaustraße, die ehemalige Thorervilla, unter Verwendung von Steinen der 1897 abgerissenen Pleißenburg (danach Standort des Neuen Rathauses) gebaut worden ist. Ebenso verrät sie, dass die Bienitzstraße (mittlerweile Blüthnerstraße) einst als Grenze zur „‚gefährlichen‘ Seebiebe“ galt. Das Wohngebiet Seebiebe wurde in Band 1 ausführlich behandelt.

Wie eine gute Lokalreporterin, die ihr Gebiet von Kindheit an kennt, berichtet Monika Kirst aus Leutzscher Vergangenheit und Gegenwart. Im Reportagestil lässt sie uns an ihren Begegnungen teilhaben, nimmt alle Leser mit ins Prießnitzbad*, wo herrlich altertümlich wirkende Worte wie „Milchkolonie“ und „Familienbadetag“ fallen, in den Schwarzen Jäger in der William-Zipperer-Straße 111 („Das dezente Ballhaus im Westen“) oder zu Springer & Möller alias Lacufa (Lack- und Farbenfabrik), die zuletzt als Theaterfabrik genutzte Industrieimmobilie mit dem weithin sichtbaren „Turm der Farbe“. Der nahm ursprünglich die Aufgabe eines Wasserturms wahr und ist ein Art-deco-Denkmal mit auffälligem Anstrich. Monika Kirst traf die Nichte von Dr. Rudolf Herrmann-Möller und taucht tief in die Historie des 1895 am Brühl ins Leben gerufenen Unternehmens ein, dabei blättert sie auch in der 1930 veröffentlichten Gedenkschrift für Gründer Fritz Springer.

Weiterhin geht es um den Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler und dessen Leutzscher Wohnsitz am Straßenbahndepot, um Luftschutzkeller, Nachkriegsuntermieter und die wilden Nachwendezeiten, die das mit Werken, Fabriken und Produktionshallen vollgepfopfte Leutzsch deindustrialisierten. Die Nachfolgebetriebe der Eisengießerei Becker & Co. (heute Leutzsch-Arkaden), der Gießerei Jahn, der Bogenlampenpioniere Körting & Mathiesen u.v.a. verschwanden über Nacht. GISAG, Polygraph, MLW – Geschichte. Das Leutzsch-Buch ruft all das und bringt viele historische Ansichten sowie einen „Paukenschlag“ zum Schluss, die kuriose Anekdote vom Krokodil im Villenviertel. Das Tier lebte in der Otto-Schmiedt-Straße bei Hans Sandig, dem Leiter des Rundfunkkinderchores Leipzig, und verfügte über ein eigenes Zimmer. Bis zu dem Tag, als es nach Herrchens Frau schnappte und in den Zoo umziehen musste.

Inspiriert von der Lektüre spazierten wir zum wiederholten Male** durch den Stadtteil im Leipziger Westen, die Georg-Schwarz-Straße entlang, die Franz-Flemming-Straße, sahen, dass die Keglerkneipe Gut Holz geschlossen hat, erfreuten uns am kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau der 1920er Jahre, schauten bei Blüthner und Dietzold vorbei und warfen der riesigen Bikinifrau in der Rückmarsdorfer Straße einen freundlichen Gruß zu …

www.kolb-verlag.de

* siehe auch unseren Beitrag „Ab in die Gartenkneipen IV“ vom Juli 2014
** siehe unsere Beiträge „Sommer in Leutzsch“ (August 2012, August 2013 und Juli 2015)

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