„Wir scheinen irgendwie auf der selben Welle zu schwimmen“, schrieb uns Michael und dass er ein Heimatforscher aus dem Altenburger Land sei, „der jetzt das fünfte Jahr in Leipzig lebt und diese Stadt seitdem ‚auf Abwegen‘ entdeckt“. Dabei scheint er ab und zu auf unsere Seite zu gucken, schickte er uns doch Neues vom alten Gellert. Diesem ehemals sehr prominenten Leipziger hatten wir im September 2018 einen Beitrag gewidmet („Wer kennt Gellert?“).
„Ich hatte das Glück, kürzlich eine seltene Postkarte auf einem Trödelmarkt zu entdecken – mit dem Gellert-Denkmal im Rosental“, fuhr Michael fort, eine Karte von 1907. „Zum ehemaligen Standort habe ich auch etwas von der Stadt selbst gefunden. Der ehemalige Standort wurde wieder hergerichtet und heute befindet sich darauf (siehe Google-Maps) der Spielplatz ‚Vorderes Rosenthal‘. Auch die Grabstätte auf dem Südfriedhof lohnt sich aufzusuchen.“
Außerdem fügte der freundliche Kollege einen Kurzablauf zur Gellert-Grab-Odyssee hinzu („so wie ich sie verstanden habe“): 1. Grabstätte mit seinem Bruder auf dem alten Johannisfriedhof. 2. Umbettung in die Johanniskirche in eine gemeinsame Gruft mit J.S. Bach. 3. 1949 Umbettung in die Paulinerkirche (Bach in die Thomaskirche). 4. 1968 Umbettung auf den Südfriedhof (Sprengung der Paulinerkirche), nun wieder Gemeinschaftsgrab mit seinem Bruder Friedrich Leberecht Gellert, Oberpostkommissarius (1711-1770).
Katrin vom Blog Leipzig Love bestätigte das Hin und Her in ihrem Kommentar auf unserer Facebook-Seite. Wir hatten davon bislang keinen Schimmer. In der Leipziger Festschrift von 1938 zu Ehren Richard Wagners („Die Geburtsstadt feiert den 125. Geburtstag des Meisters“) ist die Doppelgrabstelle Bach-Gellert in der Johanniskirche abgebildet.
Doch damit nicht genug! „In meiner Bibliothek fand sich tatsächlich noch ein besonderes Buch“, überraschte uns Michael ein weiteres Mal, „ich habe es vor über 20 Jahren auf eBay gefunden (heute undenkbar). Es mag abschließend die damalige Bedeutung Gellerts belegen. Seine Bücher wurden im ganzen deutschsprachigen Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation vertrieben und gelesen. Das Kaiserliche Reichsprivileg (Kaiser Franz) am Ende beider Teile erhielt nicht jeder …“ Es schützte vor unerlaubtem Nachdruck. Michaels Exemplar war 1763 „bey Johann Wendlern“ in Leipzig erschienen und trägt den Titel „Fabeln und Erzählungen / Erster und Zweyter Theil“.
Als Zugabe machte uns der Heimatforscher aus dem Altenburger Land auf ein verstecktes Denkmal mit kurioser Geschichte an der Gaststätte Hacienda Las Casas im Zoo aufmerksam, das „Denkmal von Gustav Theodor Fechner, den heute wohl kaum noch einer kennt. Er war Uni-Professor in Leipzig und ist Ehrenbürger der Stadt. Zehn Jahre nach seinem Tod wurde das Denkmal 1897 eingeweiht. Fechner liebte das Rosenthal und erhielt einen ‚dauerhaften Blick‘, allerdings nur bis zur Zoo-Erweiterung 1927. Er wurde praktisch ‚eingemeindet‘. Da das Denkmal selbst unter Denkmalschutz steht, muss es der Öffentlichkeit zugänglich bleiben – und das passiert zu den Öffnungszeiten des ‚Außenlokals‘. Allerdings ist nur der Sockel noch original. Die Bronzebüste selbst wurde im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen. Erst 1983 wurde die heutige Replik geschaffen.“
Tausend Dank an Michael, mit dem wir zweifellos auf einer Welle schwimmen!
Nachtrag: „Christian Fürchtegott Gellerts Bruder, Friedrich Leberecht Gellert, war ebenfalls an der Leipziger Uni – als Fechtmeister – angestellt und später Leipzigs Oberpostkommissar. Er starb nur einen knappen Monat nach seinem Bruder – vor Gram, beide waren sehr eng befreundet. Was damals nicht unüblich war, er wurde über seinem Bruder bestattet – es ist also ein Doppelgrab mit übereinanderliegenden Leichen gewesen. Der originale Grabstein dieses ersten Grabes hinter der Johanniskirche, der heute an der Innenseite der Umfassungsmauer des Grassimuseums (Torseite) am nicht ganz richtigen Ort hängt, enthält deshalb auch beide Namen. Bei der Exhumierung viele Jahrzehnte später wurden die Knochen beider Gellert-Brüder entnommen (wie wollte man sie auch unterscheiden?) und in die Bach-Gellert-Gruft innerhalb der neuen Johanniskirche überführt. Das heutige Grab auf dem Südfriedhof enthält ebenfalls die Überreste beider Brüder, auch wenn namentlich nur Christian Fürchtegott auf dem neuen Grabstein erwähnt wird. Ich vermute (rein spekulativ), dass es mit der Friedhofsordnung (Doppelbelegung von Einzelgräbern?) Probleme gegeben haben könnte. Irgendwo hab ich gehört oder gelesen, dass der Gellert-Freundeskreis, der sich um das Grab kümmert, mit der Gravur beider Namen gescheitert ist. Warum? Keine Ahnung.“ Noch einmal vielen Dank, Michael!

