Reformen mit Paul, Teil 3

Die Thalysia-Werke im Dezember 2016, Koch- / Ecke Scheffelstraße

Die Thalysia-Werke im Dezember 2016, Koch- / Ecke Scheffelstraße

(A.H.) Das Reformhaus Thalysia Paul Garms empfahl sich nun mit Spezial-Gesundheitsnährmitteln und Frauen-Reformartikeln eigener Erzeugung. Neben der Zentrale Neumarkt 40 wurden ab 1905 im Peterskirchhof 7 Teilbereiche für das prosperierende Unternehmen angemietet. Schließlich erwarb Paul Garms 1908 beide Häuser. Während im Neumarkt weiterhin die zentrale Verkaufsstelle verblieb, mussten die Zimmer im Peterskirchhof 7 möglicherweise als Kontor herhalten, bis 1908 schon auf vier Etagen. Nach Errichtung des Neubaus in der Kochstraße 122 wurden die Verwaltung nach Connewitz verlegt und die Geschäftsräume im Peterskirchhof 7 vermietet.

Wie schon vorweggenommen sah sich Paul Garms aufgrund der Expansion seiner Firma genötigt, nach neuen Flächen Umschau zu halten, die sich dann in Connewitz in der Koch- / Ecke Scheffelstraße anboten. Garms kaufte das Grundstück Kochstraße 122, es war seinerzeit mit einem zweigeschossigem Gebäude bebaut, Parzelleneigner war Maximilian Montag aus Borsdorf. Das unbebaute, längliche Gelände dahinter bot genügend Platz für die Errichtung einer Arbeitsstätte. Am 28. Juli 1910 erteilte die Behörde für zwei Vorderwohngebäude und eine Fabrikationsstätte nach den Entwürfen des Leipziger Architekt Max Lorenz die Baugenehmigung. Zuerst entstand das im Hof gelegene, mit Souterrain viergeschossige Fabrikgebäude. Der mit gelben Klinkern verkleidete Stahlbetonbau war im Mai 1911 fertiggestellt und mit einem Aufzug der bekannten Plagwitzer Firma Unruh & Liebig bestückt.

Nach Abbruch von Max Montags Behausung an der Kochstraße begannen die Arbeiten an den neuen Wohnstätten und wurden im März 1912 beendet. Hierbei handelte es sich um ein Doppelhaus mit identischer Fassadengestaltung, es verfügte über vier Vollgeschosse und ein Mansarden-Dachgeschoss. Die hochwertigen Domizile bewohnte ausschließlich eine begüterte Klientel, wie etwa Kaufleute, Architekten, Lehrer oder Privatiers. Links und rechts verfügten die Mietshäuser über je eine Durchfahrt zur Versorgung des Werks. Die bisher im Peterskirchhof 7 befindlichen Kontore siedelten sich im Erdgeschoss an. Das später errichtete, eckförmige Seitengebäude befindet sich nordwestlich der Werkanlagen. Dazu beschaffte Garms 1912 zwei zur Scheffelstraße gehörige Teilgrundstücke. Nach einiger Verzögerung auf Grund ausbleibender Genehmigungen begannen 1913 die Bauarbeiten. Sie fanden Anfang 1914 ihren Abschluss. Gestalterisch war die Erweiterung dem Hauptgebäude angepasst. Die Anzahl der Etagen und das Verblendmauerwerk sind identisch.

1912 wandelte Garms seine Firma in eine GmbH um. Zuvor hatte er schon sein verlegerisches Talent aktiviert, um mit verschiedenen Gazetten zum Thema alternatives Wohlbefinden auf die Erzeugnisse des Hauses Thalysia hinzuweisen. Im eigens gegründeten Verlag erschienen beispielsweise die bekannten Thalysia-Monatshefte und mit dem Thalysia-Ratgeber eine informative Schrift zur naturnahen Lebensweise, garniert mit medizinischen Nuancen. Seine Gattin Amalie predigte in über 1.000 Vorträgen gegen das herkömmliche Korsett als den grausamen Feind der Frauengesundheit. So bewirbt Paul Garms um 1915 seine als Thalysia-Edelformer offerieren Korsett-Modelle als „echt deutsches hygienisches Wunderwerk“. Da sie wie etwa die französischen nicht geschürt seien, beeinträchtigten sie weder Atem- noch Bewegungsfreiheit. Zudem verzauberten die Korsagen selbst üppig gediehene Formen ins Zarte und Sinnige, ohne aber schamlos zu erscheinen. Wie schrieb Andreas Höhn in seinem Artikel „Korsett und Vegetarier“ in den Leipziger Blättern so schön: „Thalysia den Busen hebt, auch wenn er dicht am Boden schwebt.“ Da ist der Volksmund gnadenlos.

Ab 1918 erwarb Garms weitere Gebäude, so im selben Jahr das Grundstück Scheffelstraße 24, bestehend aus Vorderhaus und eingeschossigem Hinterhaus, errichtet 1909 für den Turnverein Vorwärts Leipzig-Süd e.V. Die Sportfreunde nutzten das Hofgebäude als Turnhalle. Nach dem Ankauf durch Thalysia spurteten Mechaniker durch das Gymnastik-Foyer, die Automobilhandlung Georg Anders hatte sich eingemietet und verblieb bis 1931. Im Anschluss gebrauchten die Connewitzer Reformatoren den alten Trainingsraum für ihre Zwecke. Im Jahr 1919 kam noch das Mietshaus Scheffelstraße 32 (Baujahr 1911) und 1920 die Scheffelstraße 30 (Baujahr 1910) in Garms‘ Immobilien-Portfolio.

Mit dem 1925 erfolgten Unternehmens-Eintritt von Garms‘ Sohn, Dr. Hans Garms, rückten wissenschaftliche Aspekte in den Vordergrund und ersetzten nach und nach die Intuitionen der Gründerjahre. Hans Garms verstand es, Forschung und Lehre mit pädagogischen sowie technischen Faktoren unter Einbeziehung organisatorischer und kaufmännischer Aspekte zu verknüpfen. So wurden unter seiner Leitung u.a. neue Maschinen angeschafft und das Transportwesen modifiziert. Außerdem verfasste Dr. Hans Garms allerhand Artikel zur gesunden Lebensweise. Auch als er die Leitung des Unternehmens übernommen hatte, war das Gründerpaar noch aktiv. Paul Garms beschäftigte sich neben der Firmenexpansion mit den Finanzangelegenheiten, und Amalie Garms hatte mit dem Kreieren der Korsettfabrik-Artikel alle Hände voll zu tun.

Nach vielen Jahren der Abstinenz etablierte sich 1932 wieder eine Thalysia-Gaststätte, hierfür bedurfte es einer Umgestaltung der Ladenzone im Peterskirchhof 7, direkt neben dem Hauptgeschäft Neumarkt 40. Die vegetarische Versorgung der Kunden hatte wohl bis Mitte der 1940er Jahre Bestand, hinterher war dort die König-Salomo-Apotheke von Karl Lauenstein mit der Central-Homöopathie Alt-Leipzig ansässig.

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