Volkmarsdorfer Ruinen IV

Zollikoferstraße 14 (Fabrikgebäude)

Zollikoferstraße 14 (Fabrikgebäude)

(A.H.) Im sogenannten „Volkmarsdorfer Keil“ (siehe dazu unseren Beitrag „Volkmarsdorfer Ruinen II“ vom Juni 2015) finden sich kaum größere Fabrikansiedlungen in den Hinterhöfen – mit einer Ausnahme. Diese besteht in einem ausgedehnten Grundstück in der Zollikoferstraße 14. Während das Gebäude an der Straße nur über geringe Ausmaße verfügte, war die Hoffläche umso großräumiger. Das Gelände der Nummer 14 erstreckte sich bis hinter die Häuser Zollikoferstraße 14-18 und in der Tiefe bis zu einer Linie von der Hildegardstraße 22 bis unmittelbar an den „Schwofpalast“ der späteren Kasslers Festsäle in der Elisabethstraße 13.

Das kleine Bauwerk Zollikoferstraße 14 (Vorderhaus) entstand um 1870 und wurde seit mindestens 1888 bis 1896 unter der Fuchtel von Friederike Schirmer und den späteren Erben durch die Gründerzeit bugsiert. In diesem Zeitraum nahm Gärtner E. Riehl das gesamte Terrain dahinter in Beschlag, wir können heute nur raten, ob er da einst Blaukissen, Malve und Zimmerlinde kultivierte oder der Ackerkrume Blumenkohl, Möhren und Zwiebeln entlockte. Um die hungrigen Mägen der Anwohnerschaft zu füllen, wurde wohl eher letztere Pflanzengruppe bevorzugt.

Schirmers Mehrfamilienhaus verfügte über vier Etagen, im Erdgeschoss hatte die Gärtnerei Riehl ihre Gemüsekanzlei mit Büro und vielleicht einem Verkaufslokal etabliert. Im erstem bis dritten Obergeschoss befanden sich je zwei mickrige Wohnungen, welche aber ob des privilegierten, hofseitigen Südblicks über die Riehlschen Rabatten Richtung Tanz- und Trank-Eldorado Thüringer Hof (ab 1916 Kasslers Festsäle) das räumliche Manko etwas zu kompensierten wussten. Der Wirkungskreis der Mitbewohner war ausschließlich auf den Handwerker- und Dienstleistungsbereich beschränkt, vom Tischler über den Buchhandlungsgehilfen, Handarbeiter und Geschirrführer bis hin zum Tuchpantoffelmacher, Bremser und Hilfsweichensteller reichte das berufliche Spektrum.

1896 verkauften Schirmer Erben das luftige Anwesen samt Gemüseacker an M. Goldstein und Genossen. Die rechtsseitige Bebauung Richtung Louisenstraße (der späteren Hildegardstraße) war noch nicht vorhanden, so konnte die eine oder andere Windböe genügend Sauerstoff in den Hofbereich transportieren, um die Entfaltung von Mensch und Pflanze anzukurbeln.

1904 wurde es eng, die Nachbarn eckten mit Baumasse an – die Gebäude Zollikoferstraße 10 und 12 entstanden und vollendeten damit den Winkel im nordwestlichen Teil des Häuserviertels. Trotz des damit einhergehenden Belüftungsschwunds gärtnerte Herr Riehl vorerst unverdrossen weiter. Vier Jahre später standen erneut Veränderungen ins Haus, 1908 wurde Straßenname und Eigentümer ausgetauscht. Die Volkmarsdorfer Wilhelmstraße wurde zur Zollikoferstraße und die Geschwister Goldstein verkauften ihren Besitz an G. Thieme, welcher sich in der Anger-Crottendorfer Martinstraße 24 mit einer Turngerätefabrik in Form hielt (das Grundstück Martinstraße 24 wurde 1915 in Eilenburger Straße 55 umadressiert; in den 1980ern war dort der VEB Famos Leipziger Stempelwaren ansässig und stellte Stempelspiele für Kinder her). Sein sportlicher Ehrgeiz erschöpfte sich aber nicht in der Herstellung von allerlei Gymnastikmöbeln, sondern beinhaltete auch die Disziplin der Immobilienexpansion. Herr Thieme holte sich dazu ein Jahr später mit dem Kaufmann P. Groß Verstärkung auf den Hauseigentümer-Startblock – und auch in sein Unternehmen.

Nun waren die Jahre der Riehlschen Jäterei vorbei, auf dem weitläufigen Grabeland errichteten die beiden Flurfürsten Thieme und Groß 1910 ein Fabrikgebäude. Mehrwert schaffen mittels Maschinen, war das Gebot der Stunde, massives Mauerwerk auf zwei Etagen verdrängte dem Minibiohof der ersten Stunde. Im Erdgeschoss wurden von nun an Hilfsmittel zur Leibesertüchtigung der Volksmassen zusammengeschraubt, die Turngerätefabrik G. Thieme & Co. war Erstnutzer. Praktischerweise konnten ab 1911 im Vorderhaus die Falten aus den Kitteln der Barrendesigner und Reckforscher gedengelt werden, Gertrud Hagendorf eröffnete hier im Erdgeschoss eine Plättanstalt und bügelte sich bis 1915 durch die Leinen. Schließlich sorgte das dynamische Treiben der Fitnessmechaniker selbst bei der kaiserlichen Post für mehr Elan im Match um Mobilität – 1912 hatte das Gewerbeobjekt Telefonanschluss.

Bis 1911 trug das Haus die Nr. 29b, da bis dahin die alte Volkmarsdorfer Nummerierung von der Torgauer Straße aus Richtung Kirchstraße (heute Hermann-Liebmann-Straße) bestand, die ungeraden Hausnummern sich also auf der Südseite der Straße befanden. Nach der Eingemeindung von Volkmarsdorf wurde aber erst 1912 in der Zollikoferstraße wie üblich vom Stadtzentrum weg nummeriert, also von der Kirchstraße Richtung Torgauer Straße. Somit erhielt nun die Nordseite die ungeraden Nummern (da diese sich meist links befinden), während der Südseite und damit unserem hier beschriebenem Gebäude gerade Hausnummern verpasst wurden.

Im selben Jahr wurden im Obergeschoss der Hofbebauung Liegemöbel für Verblichene zusammengezimmert, 1912 nahm die Sargfabrik F. Handke & Co. ihre Arbeit auf. Leider lief das Geschäft nicht gut, die Erdmöbelmanufaktur stellte ihre Produktion schon 1914 und damit vor Beginn der Branchenboomjahre ein, man ließ sich folglich ein zukünftiges „Bombengeschäft“ durch die Scharniere gleiten. Ab 1914 waren auch die Sportapparaturen nicht mehr gefragt, die uniformierten Riegen turnten nun ohne derartiges Zubehör über die Minenfelder und die Firma Thieme verlegte sich auf die Herstellung von Buchdruck-Holzutensilien. Nachdem Sarg-Franke seine Truhen geschlossen hatte, zog mit der Schweiffabrik Nitzsche & Co. 1915 im Obergeschoss ein Vertreter der Rauchwarenindustrie ein. Hier wurden die behaarten Bürzel, welche die Pelztierchen zuvor einbüßten, auf Schweifdrehmaschinen von Kürschnern zu Fellkolliers verwandelt.

Zu dieser Zeit war die Belegung des Vorderhauses unverändert, alle vier Etagen wurden zu Wohnzwecken genutzt, das Klientel bestand immer noch aus Handwerkern und Arbeitern wie Abzieher, Schriftsetzer, Buchdruck-Maschinenmeister, Handelsgehilfe, Postaushelferin und Postbote oder auch Materialausgeber. Ein Wechsel von Gewerbemieter und Besitzer bahnte sich 1918 in der Zollikoferstraße 14 an, Thieme und Groß verkauften ihr Objekt an den Kaufmann Ch. Holzwarth und schlossen ihre Holzutensilien-Herstellung im Erdgeschoss. Die frei werdenden Gewerberäume wurden von da an fünf Jahre lang von der Deutschen Automatenwerke GmbH und der Thermopenetration GmbH genutzt. Ein Jahr später, 1919, räumte auch Schweif-Nitzsche seine Flächen und die vermutlich zusammengehörenden Nachfolgefirmen übernahmen auch das erste Obergeschoss für ihre wie auch immer geartete Produktionspalette. Wahrscheinlich handelte es sich um „Vorrichtungen zur Bestimmung der Wärmeabgabe der Haut“ oder Temperaturfühler zur Wärmemessung von flüssigen, pulverförmigen oder Plastematerial. Wer weiß mehr?

1923 endete das Zwischenspiel der Fieberthermometerfritzen im Hofgebäude, das gesamte Grundstück wurde von der Maschinenfabrik Kohlbach & Co. aus der Lindenauer Aurelienstraße 68-70 übernommen. Dieses 1904 gegründete Druckmaschinenwerk hat die Volkmarsdorfer Gewerbeimmobilie wohl als Zweigstelle benötigt. Wilhelm Frieß und Eduard Weingärtner erwarben am 28. Oktober 1919 das in Liquidation befindliche Unternehmen und führten es als offene Handelsgesellschaft fort, man produzierte Bronzier-, Linier- und Anilindruckmaschinen. Die beiden Unternehmer wurden auch abwechselnd mit der Maschinenfabrik Kohlbach & Co. als Eigentümer in der Zollikoferstraße 14 bis 1943 erwähnt. Die Verwaltung überließ man bis 1938 dem Haus- und Grundbesitzer-Verein Lindenau.

Auch Ende der 1920er Jahre und zehn Jahre später waren die Matratzen vorn im Mietshaus, nach Beruf und Etagenanzahl betrachtet, immer noch konstant. Auf vier Stockwerken wohnte neben Arbeiter, Kellner, Abzieher, Maurer, Dreher und Seifenhändler auch mal ein Hausierer. Hinten dokterte ab 1931 die Autoreparatur P. Köhler zwei Jahre lang an Benzinkutschen herum, ab 1933 sorgte dann die Reparaturwerkstatt von W. Liebmann für diverse Hantierungsklänge. Unklar ist, ob diese Betriebe sich das Hofgebäude mit der besitzenden Maschinenfabrik Kohlbach & Co. teilten oder ob sie das Gemäuer für sich allein beanspruchen konnten. Das Datum vom Ausklang des Kohlbachschen Treiben in Volkmarsdorf liegt im Dunklen. Ebenso dürftig sind die Informationen, was genau Herr Liebmann repariert hat. Ab 1940 vermutlich nichts mehr, denn in den darauffolgenden drei Jahren werden in den Leipziger Adressbüchern keine gewerblichen Aktivitäten mehr erwähnt.

Erst nach dem Krieg, um 1948, kommt wieder Leben in die Bude, abermals aus der polygraphischen Richtung. Die 1911 gegründete Max Ferling KG, auf Anilinrotationsdruck, Buchdruck und Papierverarbeitung spezialisiert, räumte ihre Behausungen in der Salomonstraße und fand in Volkmarsdorf eine neue Bleibe. Der Betrieb wurde um 1954 verstaatlicht und produzierte bis in die 1960er Jahre als VEB Anilindruck Leipzig unter anderem auch Ausmalbücher. Ursprünglich wurde der Flexodruck als Anilindruck bezeichnet, was auf den Einsatz der Anilindruckfarben zurückzuführen ist. Flexodruck ist ein „Verfahren des Hochdruckes, bei dem die Druckform aus Gummi oder elastischem Kunststoff besteht und das Druckbild unter Verwendung von Druckfarben, die durch Verdunsten von Lösemitteln trocknen, auf den Bedruckstoff übertragen wird“, wie uns der deutsche Normenausschuss in der DIN 16 514 von 1966 erleuchtet.

In den 1970er Jahren gelangte die Druckerei als Betrieb 4 in die Regie des VEB Verpackungsmittelwerks Leipzig, die Produktion lief bis in die 1980er Jahre. Wann diese genau eingestellt wurde, ist uns nicht bekannt, das Ende des Vorderhauses dagegen schon. Das schluckten um 1988 die Bagger der sozialistischen Stadtumgestaltung mittels Flächenabriss in ihrem unersättlichen Hunger nach gründerzeitlicher Ziegelmasse. Wie durch ein Wunder hat das Hintergebäude überlebt und ist im „Volkmarsdorfer Keil“ wohl das einzige noch erhaltene bauliche Zeugnis gewerblicher Schaffenskraft aus früheren Zeiten. Aktuell wird die verflossene Stätte der Wertschöpfung kostenneutral von der Natur begrünt und dekoriert dort, umrahmt von gediegenem Industriewohnbeton, als grüne Klinkerinsel den nördlichen Abschnitt des Karrees. Möge der antiken Funktionsruine das Schicksal der ehemaligen Anrainer erspart bleiben, vielleicht bringt die Zukunft ja kreative Kräfte hervor, welche die morbiden Steine wieder erblühen lassen.

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