Wenn man sich wetterbedingt weder auf Freisitzen noch in den Leipziger Parks oder den eigenen Grünanlagen aufhalten möchte, kann man in Kellerregalen, Dachbodenschränken und auf Festplatten tolle Entdeckungen machen – oder machen lassen. Kerstin, Bert und Siggi halfen diesmal mit Material, das sie uns kürzlich oder auch schon vor einiger Zeit zur Verfügung gestellt haben. Wir danken herzlich und tauchen ab in vergangene Jahrzehnte.
Lehrlingskumpel Bert lässt die Broiler-Bar Ost* und das Wintergarten-Kino** wieder aufleben bzw. nicht so richtig, denn seine Bilder von 1992 zeigen die beiden Eisenbahnstraßen-Institutionen am Ende ihres Daseins. Bert erinnert sich: „‚In den Leipziger Kinos lief der Filmbetrieb ab dem 11. Juli 1945 wieder an. Unter der Verwaltung des sowjetischen Filmverleihers und Kinobetreibers Sojusintorgkino – Союзинторгкино‘, schrieb Harald Stein auf seiner Seite Wortblende. Interessanterweise konnte man die Aufschrift in kyrillischen Buchstaben direkt über der Eingangstür sowie über einem Schaukasten noch 1992 lesen. Damals war auch die Broiler-Bar Ost noch an einem Werbeträger zu erkennen, längst ist alles abgerissen.“
Kerstin macht uns mit den Dusterschützen bekannt, die wir seinerzeit leider gar nicht wahrgenommen hatten. Das Betriebskabarett des VEB S.M. Kirow verfügte mit der Kleinen Bühne über eine eigene Spielstätte links neben der Schaubühne Lindenfels und zeigte 1989 ein Programm, das den Titel „Jahrgang ’49 – Randbemerkungen zu 40 Jahren DDR“ trug. Das Plakat gestaltete Rainer Schade. Auf der Vorderseite sehen wir eine farbenfrohe Flasche Sekt, während auf der Rückseite eine DDR-Karte dazu einlädt, „Bürger, ärgere Dich nicht“ zu spielen.
Jedem der 40 Jahre ist eine Erkenntnis, Botschaft oder Weisheit zugeordnet. 1985 zum Beispiel heißt es: „Es war schon immer etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben: Der Bürger mischt sich in die Wartegemeinschaft der Versorgungseinrichtung ‚Delikat‘ (heute soll’s gekochten Schinken geben!), wird aber um acht Felder abgedrängt.“ Gleichfalls von 1985 ist die Jugendweihe-Karte, die uns Kerstin außerdem zusteckte. Ein Jahr zuvor war das Jubiläum des Plagwitzer Rathauses begangen worden.
Bleiben wir gleich im Jahr 1984, in dem muss Siggi noch Lehrer gewesen sein. Auf jeden Fall konnte er uns mit einer Karte aus dem VEB Hermann Haack, Geographisch-Kartographische Anstalt Gotha, behilflich sein. Das interessante Dokument präsentiert uns den Stadt- und den Landkreis Leipzig in fünf Varianten. Der Landkreis lag wie ein Kragen um die Stadt (= Stadtkreis) herum, weshalb er Kragenkreis genannt wurde. An ihn grenzten Kreise, die es heute bis auf den Saalkreis (nunmehr Saalekreis) nicht mehr gibt: Delitzsch, Eilenburg, Wurzen, Grimma, Borna, Hohenmölsen, Weißenfels und Merseburg.
Die fünf Kartenvarianten sind folgende: Überblick (Maßstab 1 : 100 000, farbig), Verkehr, Kultur, Industrie und Landwirtschaft (jeweils im Maßstab 1 : 200 000, schwarzweiß). Ebenso aus Siggis Bestand kommt die Stadtordnung der Messestadt Leipzig von 1974, die Abschnitte darin tragen Überschriften wie „Siedlungsabfallbeseitigung und -verwertung“, „Schutz der Grünanlagen und Wälder“ oder „Reinhaltung der Gewässer und der Luft sowie zur Bekämpfung des Lärmes“.
Unter dem letztgenannten Punkt lesen wir: „1. Jeder vermeidbare, ruhestörende Lärm ist untersagt. 2. Tonwiedergabegeräte und Musikinstrumente dürfen von Privatpersonen nur in solcher Lautstärke betrieben bzw. gespielt werden, daß unbeteiligte Personen nicht gestört werden. 3. Alle Kraftfahrer sind verpflichtet, den Zustand und die Bedienung iher Fahrzeuge so zu halten, daß das geringstmögliche Maß an Lärmbelästigung und Luftverunreinigung für die Umgebung auftritt. Das unnötige Laufenlassen der Motoren ist untersagt.“
Inmitten all dieser Abschnitte voll gutgemeinter Bestimmungen platzierte der Rat der Stadt (Abteilung Örtliche Versorgungswirtschaft) hübsche Leipzig-Fotos von Johannes Hänel, u.a. die Keramiksäule sowie die Pusteblumen vom Sachsenplatz, die Weltfrieden in voller Fahrt auf dem Auensee oder eine Innenansicht der Volksschwimmhalle Großzschocher. Selbstverständlich finden sich auch sämtliche Sehenswürdigkeiten abgelichtet und abgebildet, von der Deutschen Bücherei bis zum Uniriesen.
* siehe auch unseren Beitrag „Alte Bilder VII“ (März 2013)
** siehe auch unseren Beitrag „Kommste mit ins Kino?“ (Dezember 2013)
Herzlichen Dank an Kerstin, Bert und Siggi!

