Bei Micha an der Ecke

Der letzte DDR-Zeitungskiosk unserer Stadt

Der letzte DDR-Zeitungskiosk unserer Stadt

Ein Zeitungskiosk an einer Straßenbahnhaltestelle war bis in die 1990er Jahre hinein nichts Ungewöhnliches, heute stellt ein solcher Kiosk eine Seltenheit dar. Auch deshalb bezeichnet einer seiner Gäste nicht nur den Betreiber Michael „Micha“ Barth, sondern auch dessen „Ägge“ (sächsisch für Ecke) als Originale. Man findet sie im Wohnkomplex 7 an der Haltestelle Kiewer Straße. Die einst typischen Zeitungskioske aus goldeloxiertem Aluminium und Glas sind aus Leipzig verschwunden, hier ist einer erhalten geblieben – und wird genutzt! Micha verkauft Zeitungen, Zeitschriften, Süßigkeiten, Getränke und Zigaretten. Ein Becher Kaffee zum Beispiel kostet bei ihm 70 Cent und wird ab früh um sechs ausgeschenkt. Geöffnet ist wochentags bis 11.30 Uhr und dann wieder von 15 bis mindestens 18 Uhr, sonnabends von acht bis 13 Uhr. An Sonn- und Feiertagen muss der Betreiber das Geschäft ruhen lassen, das Gewerbeamt wünscht es so.

„Leider“, sagt Micha, denn er würde auch an diesen Tagen gern öffnen. Seit zehn Jahren steht er hinter der kleinen Theke, zunächst als Angestellter des Vorbesitzers, später übernahm er den Laden. Der 1971 Geborene wohnt seit 1978 in Grünau, erst in der Ringstraße und heute in der Nähe seines Arbeitsplatzes. Er besuchte die 84. Schule, die seinerzeit nach dem tschechoslowakischen Politiker Klement Gottwald benannt gewesen war, und erlernte anschließend den Beruf eines Maschinenbauers bei Polygraph in der Zweinaundorfer sowie in der Hans-Driesch-Straße. Die Wendezeit erlebte der junge Leipziger bei der Nationalen Volksarmee und anschließend bei der Bundeswehr. Zu DDR-Zeiten hatte ihm sein Betrieb ein Informatik-Studium zugesagt, wenn er im Gegenzug drei Jahre zur „Fahne“ gehen würde – ein damals üblicher Handel. Als Micha an seinen Arbeitsplatz zurückkehren wollte, war allerdings alles anders, die ehemals volkseigenen Betriebe befanden sich in treuen Händen, die „Perspektive“ bei Polygraph hieß Entlassung. Doch Micha hatte Glück und wurde Zivilangestellter der Bundeswehr, bis zur nächsten, der Jahrtausendwende.

Kaffee, Zeitung und Bier werden verlangt, auch Streicheleinheiten, Hündchen Franz kommt vorbei, möchte geknuddelt werden und anschließend etwas zu naschen. Der Kleine an der Leine gehöre zu den Stammgästen, erklärt Micha und sagt: „Ausgesuchte Vierbeiner bekommen bei mir ein Leckerli.“ Einer der täglichen Zweibeiner bringt sich ins Gespräch und würdigt den Kioskbetreiber. Micha könne mit Leuten umgehen, er nehme sie ernst, so wie sie sind, ohne sich dabei selbst zu verleugnen. Und das Publikum sei nicht immer einfach, meint der Gast. „De Ägge“ (mit Ä, damit es zu keiner Verwechslung mit dem landwirtschaftlichen Gerät komme), wie über dem schalterähnlichen Ausgabefenster steht, hat ihr Stammpublikum und übernimmt neben der Versorgungsaufgabe als Treff- und Anlaufpunkt auch eine soziale Funktion.

Zu Micha und seinen Gästen gesellen sich in der Regel an Dienstagen die Streetworker, welche sich hier vor Ort nach eventuellen „Wehwehchen“ erkundigen, aufsuchende Sozialarbeit wird das genannt, eine gute Sache. Ältere Kundschaft aus der direkten Nachbarschaft findet sich ebenso ein, man holt Lebensmittel am Kiosk und freut sich, dass die müden Füße dafür keine weiteren Wege zurücklegen müssen. Vor einigen Jahren gab es an der „Ägge“ noch Bockwurst und ein Paar aus Stötteritz, das einmal in der Woche mit der 15 anreiste, um diesen traditionellen Imbiss zu sich nehmen. „Die Bockwurst schmeckt hier so gut“, lautete die Begründung für die erstaunliche Anfahrt. Doch eines Tages stoppte das Gesundheitsamt die Esserei – es gibt kein fließendes Wasser in dem kleinen, ziemlich originalgetreu erhalten gebliebenen DDR-Gebäude.

Micha bekennt, zu sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen sei, und Leuten, die in der Auslage herumfingerten, auch mal auf die Hände zu klopfen. Da habe niemand hineinzugreifen. Zeigen sei erlaubt, danach gibt der Chef die Ware heraus. Manchmal muss sich der 47jährige Sprüche anhören über die lange Mittagspause, doch er ist „komplett Alleinunterhalter“, legt sich also gegen zwölf nicht etwa aufs Ohr, sondern muss Nachschub heranholen, einräumen, aufräumen, nach- und wieder vorbereiten. Um fünf Uhr steht er in der Woche auf, ist halb sechs im Geschäft und an vielen Tagen erst gegen halb oder um zehn abends wieder zu Hause. Urlaub macht er nicht. Sein Ex-Chef und Kioskvorbesitzer meinte während der Übergabe: „Wenn Du das hier machst, dann lebst du hier!“ Das hat sich bewahrheitet. Doch Micha gefällt’s, „selbst wenn es manchmal Stress ist“.

Der Artikel erschien in der 2018er Augustausgabe des Grün-As. Siehe zu diesem Thema auch unseren Beitrag „Die Letzten ihrer Art“ vom Januar 2014.

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