Ein Film und fünf Buchstaben

Das d von UdSSR

Das d von UdSSR

Enno Seifried hat einen interessanten Dokumentarfilm über Leipzig gedreht. Der trägt den Titel „Geschichten hinter vergessenen Mauern – Lost Place Storys aus Leipzig“ und war am 30. und 31. März sowie am 1. April 2012 im ehemals Sowjetischen Pavillon auf der Alten Messe zu sehen. Alle drei Vorstellungen waren ausverkauft. Lost Places sind vergessene Orte, zumeist Industriebetriebe, die nach 1990 stillgelegt und dichtgemacht wurden. „… ich denke, auf diese Orte kann niemand einen Anspruch erheben“, äußerte Enno Seifried im Interview mit dem Stadtmagazin BLITZ!*.

„Dort bewegen sich vom Kind bis zum Anwalt alle möglichen Menschen. Am Ende haben alle den gleichen Grund, egal zu welcher Szene oder ob man sich überhaupt zu einer Szene zählt: Es ist der Charme des Morbiden, die Neugier, das Mystische, das Unbekannte, die Vergangenheit, was die Menschen reizt, diese Orte zu betreten.“ Der Filmemacher treibt sich „gefühlt“ schon sein ganzes Leben „in Abbruchbuden herum … zum Fotografieren, einfach nur zum Stöbern, um vom Dach den Sonnenuntergang zu betrachten oder eben um einen Film zu drehen“.

Reizvoll an der Filmpremiere im Sowjetischen Pavillon war neben dem, was der Dokumentarfilm zeigte, dass man sonst nicht einfach so in das Gebäude hineinkommt. An der rechten Seite des Pavillons, vom Eingang aus betrachtet, liegen übrigens fünf riesige organge-gelbe Buchstaben: UdSSR – Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken, kurz Sowjetunion.

Achtung, es gibt immer mal wieder neue und schnell ausverkaufte Vorführtermine: www.lost-place-le.de

Nachtrag 1: In einer Pressemitteilung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig vom 23. Mai 2012 heißt es über den einstigen Sowjetischen Pavillon: „Erbaut in den Jahren 1923/24 vom Baubüro der Messe- und Ausstellungs-AG Leipzig unter Carl Crämer, war das imposante Gebäude mit der Bezeichnung ‚Halle 9‘ zu jener Zeit der größte Hallenbau Deutschlands. Nach schweren Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude 1950 als Sowjetischer Pavillon wieder aufgebaut.“

Nachtrag 2: 1991 brachte der Verlag C.J. Bucher (München und Berlin) in seiner Reihe „Bucher’s Städtereisen“ einen Band über Leipzig heraus. In dem findet sich mittlerweile Historisches, zum Beispiel ein Foto des Sowjetischen Pavillons, auf dem die fünf Buchstaben UdSSR an ihrem ursprünglichen Platz über dem Eingang zu sehen sind.

Nachtrag 3: Am 04.06.2016 berichtet die LVZ, dass der Sowjetische Pavillon umgebaut und Leipzigs neues Stadtarchiv werden soll. Eröffnungstermin sei der 1. Oktober 2018. Erst im März waren in dem Gebäude Wandmosaiken aus den 1950er Jahren zum Vorschein gekommen. Diese würden nun „akkurat eingelagert“.

Nachtrag 4: Aus einer Presseinformation der Dezernate Allgemeine Verwaltung und Stadtentwicklung und Bau: „Die Halle 12 der Alten Messe, die künftig Leipzigs Stadtarchiv beherbergen wird, muss dafür teilweise umgebaut werden. Nachdem die erforderlichen Abrissarbeiten bereits im Gange sind, legten heute (28. November 2016) Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau und Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning den Grundstein. 2019 soll das Stadtarchiv am neuen Standort seine Pforten öffnen.“

„Die ehemalige Messehalle 12 wurde 1923 bis 1924 nach Entwürfen von Oskar Pusch und Carl Krämer als Ausstellungshalle für Werkzeugmaschinen erbaut. Im Winter fanden in ihr Sechstagerennen statt, auch Max Schmeling boxte hier. Bekannt war sie in dieser Zeit als Achilleion. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wurde sie 1950 mit einem ’sowjetisch‘ verkleideten Portikus, der goldenen Spitze und dem roten Stern als Sowjetischer Pavillon wieder eröffnet. Damit sie nun – nach Jahren des Leerstandes – das Stadtarchiv aufnehmen kann, musste ein nachträglich eingebauter Raum zwischen Portikus und eigentlichem Hallenbau – demontiert werden. Dabei entdeckte man sowjetische Mosaiken, die nach dem Ende der Stalin-Ära unter Putz verborgen worden waren. Die LEVG hat sie abgenommen und sichergestellt.“

* BLITZ! Leipzig 03/2012 (Internet)
Filmpremiere im Sowjetischen Pavillon

Früher wollte keiner in den Sowjetischen Pavillon. Jetzt, wo man nicht mehr einfach so reinkommt, ist er interessant. Am 30. und 31. März, sowie am 1. April wurde in dem markanten Gebäude auf der Alten Messe der Dokumentarfilm „Geschichten hinter vergessenen Mauern – Lost Place Storys aus Leipzig“ gezeigt, welcher sich mit Orten wie dem Pavillon beschäftigt. Alle drei Abende waren ausverkauft. Nächste Termine sind der 2. und 3. Mai im Neuen Schauspiel in der Lützner Straße 29.

Alle Beteiligten an „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ verbindet neben ihren Berufen beim Film oder am Theater die Faszination für so genannte Lost Places (vergessene bzw. verlorene Orte) sowie die Aktivität in der hiesigen Urban Explorer- bzw. der Lost-Place-Cacher-Szene. Buch, Regie, Schnitt und zum Teil auch die Musik verantwortet Enno Seifried, mit dem wir über die Szene und Lost Places sprachen.

Womit beschäftigt sich die Urban Explorer- beziehungsweise Lost-Place-Cacher-Szene und bist Du ein Teil von ihr?

Sogenannte Urban Explorer sind Menschen, die sich aus rein privatem Interesse den Orten widmen, die man allgemein als Lost Places bezeichnet. Dabei handelt es sich vorwiegend um alte Industriebauten, Militär- und Bunkeranlagen, die leer stehen und ungenutzt sind. Abgesehen von der Geschichte, die in diesen Gebäuden steckt, bieten diese Orte einmalige Fotomotive, die wohl sonst im öffentlichen Stadtraum kaum zu finden sind. In den letzten Jahren ist das Thema Lost Places auch in der Community der Geocacher sehr beliebt geworden. Geocacher sind Menschen, die sich mit einem GPS auf die Suche nach „Schätzen“ begeben, die andere Geocacher versteckt haben. Eigentlich eine Art moderner Schnitzeljagd. Bis September 2011 existierte in Leipzig die wohl bekannteste Lost-Place-Cache-Serie Deutschlands mit dem Namen „Trau Dich“, die allerdings aufgrund einiger Negativschlagzeilen durch die Reviewer der Plattform geocaching.com archiviert wurde. Diese Serie führte mit über 60 Caches zu fast allen größeren Lost Places, die Leipzig zu bieten hat. In den Gebäuden folgte man meist einer Geschichte, die einen so von Raum zu Raum, von Etage zu Etage führte. Ich persönlich hatte über ein Drittel dieser Caches in Leipzig versteckt. Der klassische Urban Explorer hat mit dem Geocachen nichts zu tun. Man könnte auch sagen, er verteufelt es ein wenig, da die Geocacher die Lost Places in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt haben. Aber ich denke, auf diese Orte kann niemand eine Anspruch erheben. Dort bewegen sich vom Kind bis zum Anwalt alle möglichen Menschen. Am Ende haben alle den gleichen Grund, egal zu welcher Szene oder ob man sich überhaupt zu einer Szene zählt: Es ist der Charme des Morbiden, die Neugier, das Mystische, das Unbekannte, die Vergangenheit, was die Menschen reizt, diese Orte zu betreten.

Welcher Lost Place sorgte bei Dir für die Initialzündung?

Das kann ich so nicht sagen, da ich mich gefühlt schon mein ganzes leben in Abbruchbuden herumtreibe. Erst als Kind, später hatten wir unseren Cliquentreffpunkt an einem verlassenen Bahndamm im Osten von Leipzig oder illegale Techno-Parties in alten Kellerräumen veranstaltet. Damals war das keine bewusste Handlung. Wahrscheinlich hat man sich immer wieder solche Orte gesucht, da man dort das Gefühl von Abgeschiedenheit hatte und tun und lassen konnte, was man wollte. Heute ist man bewusst in den Lost Places unterwegs. Eben auf der Suche nach Geocaches, zum Fotografieren, einfach nur zum Stöbern, um vom Dach den Sonnenuntergang zu betrachten oder eben um einen Film zu drehen.

Ihr feiert Filmpremiere im Sowjetischen Pavillon. Wer vermietet Euch den dafür?

Der Eigentümer des Sowjetischen Pavillons ist die LEVG. Als ich für den Film Interviewpartner suchte, stieß ich in einer Wochenzeitschrift auf ein Interview mit Gregor Bogen. Er ist Geschäftsführer der Projektentwicklungsgesellschaft WEP, die sich um dieses Gelände kümmert. Ich kontaktierte ihn und verabredete mich ebenfalls zu einem Interview mit ihm. Das war ein entspanntes Treffen, und wie wir da so im Sowjetischen Pavillon standen, wurde uns klar: „Der perfekte Ort für die Premiere des Films!“ Herr Bogen holte erste Informationen ein und überbrachte mir bald die positive Nachricht, dass wir das tatsächlich realisieren können und das sogar mietfrei. Nun dachte ich: „Na super, ’ne Leinwand und paar Stühle rein und los geht’s.“ So einfach war das dann allerdings doch nicht, und plötzlich hatte ich einen Kostenplan von über 5.000 Euro vor mir liegen. In dem Moment hatte ich schon fast damit abgeschlossen, doch der 3D-Animateur von unserem Film, Falk Johnke, hatte die grandiose Idee, das Projekt auf der Crowdfunding-Plattform www.visionbakery.de/vision/214 einzustellen. Mit Hilfe von Lost-Place-Begeisterten aus ganz Deutschland konnte das Projekt innerhalb von sechs Tagen finanziert werden und jetzt findet die Premiere dort statt.

Welche Lost Places in Leipzig könnten Interessierte legal besuchen?

„Lost Place“ und „legal besuchen“ beißt sich ein wenig. Es ist halt eine Grauzone. Meist sind diese Orte zugänglich, weil Zäune defekt sind oder fehlen. Es gibt kaputte Fenster und Türen, die einladen, doch diese Lost Places schlussendlich wirklich zu betreten, ist sicher nicht ganz legal. Auf der anderen Seite interessiert es aber auch niemanden und ich denke, solange man sich dort bewegt, um den Ort zu genießen oder Fotos zu machen und nicht um Scheiben einzuschlagen, ist das okay. Wenn diese Gebäude das Stadtbild meiner Stadt, meines täglichen Lebensumfeldes prägen, sich aber keiner darum kümmert, sehe ich keinen Grund, mich dort nicht umschauen zu dürfen. Da diese Lost Places eine Jahrzehnte lange Geschichte auf dem Buckel haben, die mich als Bürger dieser Stadt interessiert, denke ich sogar, ich habe ein Recht darauf, mich dieser Geschichte zu widmen. Wenn ich mich nicht selber in die Spur begebe, um an diesen Orten Neues zu erfahren, erfahre ich es nie. Es wird keinen Reiseführer geben, der davon berichtet, und es wird sich auch kein Touristenführer hinstellen und erzählen, dass in diesen Gebäuden meistens kurz nach der Wende alles stehen und liegen gelassen wurde und tausende Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden. Bevor ich mich allerdings zu sehr aus dem Fenster lehne: Ich habe gehört, dass zum Beispiel im ehemaligen VTA in Gohlis Führungen angeboten werden, oder zum Tag des offenen Denkmals der ein oder andere Lost Place für Besucher offen stand. Aber fragt mal, ob Ihr Euch den City-Tunnel von 1914 anschauen dürft. Da bekommt man erst die Antwort, dass bereits alles abgebrochen ist. Bei der zweiten Anfrage kommt eine Mail, die besagt, dass die Besichtigung aus Sicherheitsgründen nicht möglich ist. Und fragt man dann nochmal nach, kommt gar keine Antwort mehr. Die TLG Immobilien GmbH reagiert ähnlich, wenn man sie zum Beispiel auf das leerstehende Robotron-Schulungszentrum direkt am Innenstadtring anspricht.

Welche Lost Places sind für immer verloren?

Wenn das Dach eines Gebäudes im Keller liegt und die Mauern Löcher groß wie Einfamilienhäuser vorweisen, ist das Gebäude sicher für immer verloren. Hierzu fällt mir ein Statement von Peter Kolar, dem Eigentümer des Postbahnhofs in Schönfeld, ein: Bis ein Objekt so weit ist, dass es nur noch abgerissen werden kann, da muss schon viel passieren. Wenn der Wunsch besteht, etwas wieder einer neuen Nutzung zuzuführen, geht fast alles. Ich kenne nur ganz wenige Objekte, wo ich sagen würde: Da kann man nur noch abreißen.“

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