Draußen in Sellerhausen

Pfefferkiste in der Wurzner Straße

Pfefferkiste in der Wurzner Straße

In unserer Kindheit fuhren wir mit den Eltern öfters nach Machern, wo die Großeltern ihren Garten hatten. Im Trabant P601 Limousine ging es vorbei an Pfefferkiste, Kastanie und Stadt Leipzig, drei Gaststätten in Sellerhausen, Gerichshain bzw. Machern. Kastanie und Stadt Leipzig besuchten wir ab und zu einmal, die Pfefferkiste nie, wahrscheinlich, weil sie noch deutlich innerhalb des Stadtgebietes lag und man ja nicht losfahren und gleich wieder anhalten konnte.

Und weil uns der Name Pfefferkiste bis heute nicht aus dem Gedächtnis geflogen ist, holten wir den Besuch jetzt nach. Wir saßen draußen in Sellerhausen in der Wurzner Straße auf äußerst rustikal-stabilen Holzbänken und blickten in Richtung Emmauskirche; in regelmäßigen Abständen rollten die Straßenbahnen 7 und 8 vorbei. Gegenüber vom Freisitz fielen uns die Krallenschmiede Lorenz – originelle Selbstbezeichnung eines Nagelstudios – sowie Kati’s Bistro auf, außerdem der hübsche grüne Platz hinter der Kirche und die Reihe großbürgerlicher Häuser mit ihren verglasten Holzbalkons.

Als die Pfefferkiste im Jahre 1888 erbaut wurde, war sie das letzte Haus von Sellerhausen, danach folgten Wiesen und Felder und irgendwann Paunsdorf. Damals hieß die Gaststätte „Zur Erholung“ und gehörte einer Familie Pfefferkorn, sie war Pferde(aus)spanne und später Ausflugsgaststätte. Über 100 Jahre danach, 1995, verkauften die Pfefferkornchen Nachfahren Haus und Hof an die Familie Walther, welche das Lokal umbaute und Pensionszimmer und Bowlingbahnen hinzufügte. Heute ist Familie Liebmann in der Kiste tätig.

Das alles erfuhren wir aus der Speisekarte, in der wir u.a. auch von den Schnitzelvarianten Pferdespanne und Urlaubsfeeling lasen, von Sellerhäuser Bratenbrot und Sellerhäuser Schälchen sowie vom Grillteller Walther. Mittwochs ist hier 6,66-Euro-Tag und donnerstags 7,77-Euro-Schnitzeltag. Was wählten wir? Das Schnitzel nach Art der Pfefferkiste (9,80 Euro) – mit Pfeffercamembert und Pfeffersoße – und den Pfefferteller (= Gulasch mit Gemüse, Salatbeilage und Kartoffeln für 8,70 Euro), dazu rote Limo (0,4 Liter kosten 2 Euro) und Kaffee in der Tasse (1,70 Euro). Alles klasse. Und wir lernten dazu. Der Begriff Schwärtelbraten war uns neu; es handelt sich hierbei um einen mit Backpflaumen gespickten Schweinebraten. Probieren wir beim nächsten Mal.

Unweit der Pfefferkiste freuen sich Hallenser – wenn sie die Händel-Apotheke entdecken. Händel ist dort Stadtheiliger in Sachen Musik, so wie hier Bach. Wir freuten uns über ein Auto mit der Aufschrift Erbsen-Inge, einen leeren Laden, an dem wir die Worte Artikel, Strümpfe und Wolle entziffern konnten (siehe unseren Nachtrag), und über ein, zwei Stunden Kurzurlaub in Sellerhausen.

Nachtrag: Im September 2016 leisteten wir uns das schon 2001 erschienene Buch „Geschäfte mit Geschichte – Traditionsreiche Einzelhandelsunternehmen in Westsachsen“ (Leipziger Messe Verlag) und fanden darin u.a. Gerhard Pinkes‘ Weiß-, Woll- und Kurzwarenladen auf einem Foto von 1947. Darauf sind deutlich die Worte Damen-, Herren- und Kinderwäsche zu erkennen sowie Herrenartikel, Strümpfe.

Als Adresse wird die Wurzner Straße 141 genannt. Gerhard Pinkes, geboren 1923, ist oder war der Enkel von Anna Schlemmer, die das Unternehmen 1912 begründete. Im Jahr der Bucherscheinung stand er immer noch „allein hinter dem vollbepackten Verkaufstisch“. Ende 1946 hatte er das Geschäft übernommen.

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