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Freimaurerei in Leipzig

Freimaurerei in Leipzig

Im Goldenen Schiff neben dem Kaffeebaum saßen am 20. März 1741 sieben junge Männer beieinander, um Leipzigs erste Freimaurerloge zu gründen. Unter den 22- bis 27jährigen Akademikern und Kaufleuten befand sich Pierre Jacques Dufour, dessen Familiennamen wir von der Dufourstraße kennen. Schon 1738 war im Leipziger Breitkopf Verlag die Wochenzeitschrift „Der Freymäurer“ erschienen, das ganze Jahr über, 52 Ausgaben lang. Ein Sproß dieser Verlegerdynastie, Christoph Gottlob Breitkopf, gehörte ab 1771 der Loge Minerva an.

„Die Loge Minerva zu den drei Palmen in Leipzig“ ist der Titel eines Buches aus dem hiesigen Salier Verlag. Alexander Süß vertieft sich darin in die Geschichte der Freimaurerei in unserer Stadt unter besonderer Berücksichtigung der bis heute bestehenden Minerva, die sich bis auf die erwähnte Gründung im Goldenen Schiff zurückverfolgen lässt. „Die Loge war ein Ort gelebter geistiger Offenheit“, lesen wir, ihre Mitglieder setzten sich beispielsweise über Glaubensunterschiede hinweg.

In unserer Stadt bekannte Namen tauchen in der Minerva und anderen Leipziger Bruderschaften auf, Reclam, Oeser und Hahnemann zum Beispiel sowie Stieglitz, Tauchnitz und Felsche, ebenso Siegfried August Mahlmann, der u.a. Redakteur der „Leipziger Zeitung“ gewesen ist und an den die Mahlmannstraße in der Südvorstadt erinnert. Albert Lortzing wiederum – Leipziger, Komponist und Freimaurer – schrieb 1841 eine Festmusik für die Minerva („Hört, des Hammers Ruf ertönet!“).

Und als 1886 ein neues Logenhaus in der Schulstraße (heutzutage Ratsfreischulstraße genannt) eingeweiht wurde, kamen die passenden Klänge dazu von Gewandhauskapellmeister Carl Reinecke. Wir leiten daraus ab, dass die Freimaurer als erfolgreiche Netzwerker, wie wir heute sagen würden, angesehen werden können, als informelles Beziehungsgeflecht neben den offiziellen Strukturen.

Süß‘ kurzweiliger geschichtlicher Abriss klärt uns u.a. über die Häuser der Minerva auf. 1776 kauften die Brüder dem Gastwirt Venoni dessen Gasthaus in der Schulstraße ab und bezogen es nach einjährigem Umbau. 140 Jahre lang trafen sich die Leipziger Freimaurer auf diesem großen Grundstück (Ratsfreischulstraße 1-3) unmittelbar an der Pleißenburg, 1886 weihten sie hier ein zweites Haus ein, einen Neubau, und verkauften ihr erstes zwei Jahre später.

Als Gaststätte Bauhütte lebte das weiter und später als Adolf Bodensteins Weinstube – bis 1909. Bereits 1901 verließ die Minerva den prächtigen Neubau, vermietete ihn an den Klavierfabrikanten Feurich und errichtete ein drittes, noch repräsentativeres Haus in der Weststraße. Dort kam man dann von 1905 bis 1935 zusammen. Es folgte die durch das Dritte Reich erzwungene Selbstauflösung der Loge. 1943 wurde das Haus in der Weststraße im Kriege zerstört und 1957 endgültig abgerissen.

Auch nach 1945 wurden Logen in Leipzig nicht zugelassen, weswegen die Minerva nun am Stammtisch saß – im Thüringer Hof sowie im Club der Intelligenz, Elsterstraße. Erst 1990 konnte die Bruderschaft mit Hilfe aus Hannover zu neuem Leben erweckt werden. Treffpunkte waren der Ratskeller und das Gohliser Schlösschen. Heute findet man die Loge in einem schönen Gebäude in der Naunhofer Straße – schön, aber um einiges unauffälliger als die Häuser 2 und 3 mitten in der Stadt.

Das interesante Buch „Die Loge Minerva zu den drei Palmen in Leipzig“ erschien 2016 zu deren 275jährigen Bestehen und enthält u.a. ein Glossar freimaurerischer Begriffe, wie Lichteinbringung, Meister vom Stuhl oder Orient. Auch der Hammer (siehe Lortzing) ist ein Symbol und Bauhütte nur ein anderes Wort für Freimaurerloge …

Nachtrag am 20.03.2022: Heute haben wir an Dr. Günter Hempels Freimaurer-Stadtführung teilgenommen, die von der frei- und außenstehenden Nikolaikirchsäule im Zickzackkurs zum Goldenen Schiff führt. Wir können diese Führung nur empfehlen! Dr. Hempel erzählt von der wirksamen Toleranz und dem erstaunlichen Einfluss der Leipziger Brüder und deutet an mehreren Innenstadtgebäuden Details, die wir bisher übersehen hatten oder nicht einzuordnen wussten. Dabei macht der Stadtführer aus den Freimaurern keine Verschwörertruppe und darauf aufmerksam, dass man die Dinge immer aus mindestens zwei Blickwinkeln betrachten kann … www.leipzigdetails.de