Reformen mit Paul, Teil 4

Heutige Ansicht von der Kochstraße aus

Heutige Ansicht von der Kochstraße aus

(A.H.) Bis Ende der 1930er Jahre war das Thalysia-Unternehmen enorm expandiert. Um 1935 versorgten Reformhäuser neben Leipzig auch Berlin, Breslau, Dortmund, Dresden, Düsseldorf, Halle (Saale), Hamburg, München und Stuttgart. Zudem gab es über 100 Anschluss-Reformhäuser und Vertretungen, die weitestgehend Thalysia-Produkte führten. Außerhalb von Deutschland saßen Niederlassungen in Amsterdam, Genua, Haderslev, Luxemburg, Mailand, Paris, Rom, Straßburg, Zürich, New York und Buenos Aires. Die Firma Thalysia beschäftigte 1938 in Produktion und Verkauf insgesamt 1.200 Mitarbeiter. Um den permanenten Platzmangel zu beheben und die weit auseinanderliegenden Einzelbetriebe zu vereinen, war ein weiterer Grundstücksankauf unerlässlich. Ende 1938 wurde dazu in Lindenau die dem Straßenbahnhof Angerbrücke gegenüberliegende Fabrik erstanden. Es war das Etablissement von Koffergigant Moritz Mädler, der selbigen packen musste, um seinen Hausbesitzerhocker an Paul Garms weiterzureichen. In Lindenau richteten die Connewitzer eine Bandweberei ein, ab 1940 wird die Anlage als Werk II der Thalysia Paul Garms KG geführt und existierte bis mindestens 1949.

Die Luftangriffe hatten im Hauptwerk in der Kochstraße erhebliche Schäden angerichtet, 1945 waren die beiden erhaltenen Fertigungsstätten von Trümmerlandschaften umzingelt. Vom Doppelwohnhaus an der Kochstraße 122 konnten sich nur Keller und Erdgeschoss retten – das Gebilde im Torso-Design erhielt sich als fragwürdige Zierde am Connewitzer Kreuz noch über 70 Jahre! Die Nordseite der Thalysia-Liegenschaft war bombig entrahmt, auf jener Seite der Scheffelstraße ragte nur noch die Nummer 26 in den Himmel – unbeschadet und bewohnt. Die Thalysia gehörenden Häuser Scheffelstraße 24 samt alter Turnhalle, 30 und 32 existierten nicht mehr. Dr. Hans Garms verzog 1945 in Richtung Dortmund und baute das Unternehmen neu auf. Im Jahre 1952 siedelte die Firma nach Bad Buchau um, 1993 fand deren Löschung im Handelsregister statt.

An der Leipziger Kochstaße liefen indes alle Aktivitäten im rudimentären Gebäudebestand weiter, 1946 als Thalysia Paul Garms KG Reformwaren-Werk und immer noch mit dem Stadtgeschäft am Neumarkt 40. Doktor Schönburg führte nach 1946 Regie über die „Waren zur gesunden Lebensführung“, bis etwa Anfang der 1950er Jahre. Dann wurde der volkseigene Apparat Eigentümer jedweder Reformen, auch wenn sie nur aus Leder und Textilen bestanden. Aus der Kommanditgesellschaft entsprang um 1953 der VEB Thalysia, Regie über 400  Belegschaftsmitglieder führte die Stadt Leipzig. Auf dem Bestellzettel der Kommune standen nach wie vor Reform-Mieder und Gesundheitsschuhe. Daneben fabrizierte in der Kochstraße der VEB Pikanta diverse Dauerbackwaren, allerdings nur von Mitte der 1950er Jahre bis nach 1966, dann entschwanden die Haltbarkeits-Bäcker in Richtung Fichtestraße 7.

Zu Beginn der 1970er Jahre waren die Rats-Unternehmer raus, die volkseigene Manufaktur fiel der Fragmentierung anheim. Latschen und Leibchen gingen jetzt getrennte Wege. Dem VEB Bella-Schuhfabrik Groitzsch oblag die Schuhherstellung, Connewitz beherbergte den Betriebsteil V. Die Miederwaren-Anfertigung übernahm der VEB Elastic-Mieder Zeulenroda mit dem Werk V in Leipzig. Die Konstellation hatte bis zur Einstellung der Geschäftstätigkeiten Anfang der 1990er Jahre Bestand. Am Neumarkt behauptete sich das Reformhaus über lange Zeit, seit Mitte der 1950er Jahre betreut von der Konsum-Genossenschaft. Auch Thalysia-Waren kamen zum Verkauf, Bekleidung und Schuhe lagen Anfang der 1960er Jahre in der ersten Etage zur Anprobe und Bezug bereit. Der Konsum offerierte seine Reform-Güter im Neumarkt 40 bis nach 1990.

Nach Abwicklung der Betriebe in der Kochstraße Anfang der 1990er Jahre fielen die Gemäuer in einen langanhaltenden Dornröschenschlaf, mit einer kurzzeitigen Unterbrechung. Ab Sommer 1994 sollten die Backsteine mittels Musik wiederbelebt werden. Der Club-Name Elastic war im doppelten Sinne perfekt gewählt, einerseits geisterten noch die Miederwaren durch das Anwesen, zum anderen war eine elastische Körperhaltung zur Aufnahme der Beats von Vorteil. Wöchentlich besuchten zwischen 600 und 1.000 Leute die Kellerparties, sie fanden bis zu dreimal in der Woche statt. Wer noch einmal hinabtauchen möchte, sollte diesen YouTube-Link wählen und sich die 2014er Fotos auf dem Blog connewitz.wordpress.com („Die Party ist schon längst vorbei“) ansehen. Jahre der Friedhofsruhe folgten, dann gab es 2014 eine Ankündigung in der Presse, dass die Baywobau Baubetreuung GmbH das Terrain angekauft hat und eine Sanierung der Fabrikgebäude plant. Die Umsetzung erfolgte dann 2017, inklusive einer Wiederherstellung der alten Raumkanten an der Koch- und Scheffelstraße mit Wohngebäuden. Es entstanden 220 neue Wohnungen, das Projekt wird unter der Terminus Thalysia-Höfe vermarktet. Der Name Thalysia und die beiden Klinkerbauten erinnern somit in Leipzig an das einstige Schaffen von Paul Garms und seiner Weggefährten.

Literatur:
Branchen-Fernsprechbuch Bezirk Leipzig, Ausgaben 1950-1988
Der Vegetarier, Nr. 15, 1892
Fritzen, Florentine: Gesünder leben – Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Stuttgart 2006
Höhn, Andreas: Korsetts und Vegetarier, Die Reformen der Firma Garms, in: Leipziger Blätter 52,
Leipzig 2008
Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora, Geschichte des Ersten Weltkrieges. Stuttgart 2014
Judith Baumgartner: Die Entstehung der vegetarischen Vereine – Entwicklung des Vereinswesens bis
1945. In: Vegetarier-Bund Deutschlands online, Abruf 2019
Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen, Denkmaldokument Kochstraße 122, Leipzig 2019
Leipziger Adressbuch, Ausgaben 1860-1948, SLUB-Online
Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Ausgaben 1880-1895, SLUB-Online
LVZ, Ausgaben 1894-1933, SLUB-Online
Poetzsch, Joachim: Täubertsmühle schon seit 1600, in: Lausitzer Rundschau online, 14. März 2009
Thalysia-Monatshefte, November 1930
Thalysia-Monatshefte, März 1938
Vegetarische Warte, Nr. 33, 1900

Stadtpläne:
Plan von Leipzig, bearbeitet von der Vermessungsabteilung des Tiefbauamtes, Ausgaben 1905-1930, Deutsche Fotothek, Kartenforum, SLUB-Online
Schadenskarte

„Für die Korrektur des Textes bedanke ich mich bei Frank Baacke.“ (A.H.)
Und wir bedanken uns bei Andreas für diese tolle vierteilige Serie!

,

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen