Die alte Dropsfabrik

Szene aus dem Afrominz-Werbefilm

Szene aus dem Afrominz-Werbefilm

(J.R.) Aus dem Straßenbild sind sie längst verschwunden, alte Betriebe, Firmen, Produktionsstätten, doch in der Erinnerung sind sie teilweise noch präsent: Die Keksfabrik Hänsel & Helmke Taucha-Leipzig (Fichtestraße 24), Stern-Brot Pätz*, die Mitteldeutschen Motorenwerke (MiMo, ab 1939 mit Sitz in Taucha), die Käserei Tischendorf, Würstchen-Adam & Co. oder die Dropsfabrik Taucha. Wer erinnert sich noch an die? Um nach ihr zu suchen und etwas zu finden, muss man tief in die in die Vergangenheit eintauchen. Eine Spurensuche nach vergangener Lebens- und Alltagskultur.

Bei meinen Recherchen über den grandiosen und kreativen Zeichentrick- und Werbefilmer Hans Fischerkoesen (1896-1973; demnächst hier Ausführlicheres) stieß ich auf eine Rarität. Ich entdeckte „Afro auf Reisen“, einen dreiminütigen farbigen Werbefilm für Afrominz, das extra starke Pfefferminz-Bonbon, aus dem Jahr 1941. Ein Zug aus Afrominz fährt durchs Land, der Berliner Bär isst davon, eine Waschfrau in Wien, ein Wanderer auf der Alm, biertrinkende Nonnen in München, das Aktmodell eines Malers, die Narren beim Karneval in Köln, alle probieren. Und am Ende landet der Zug wieder in Taucha bei Leipzig, wo Afrominz hergestellt wurde.

Der Betrieb beschäftigte zu Spitzenzeiten bis zu 350 Mitarbeiter. Er wurde 1910 von der Leipziger Keksfabrik Hänsel & Helmke gekauft und in den 1920er Jahren an den Rheinländer Adolf Frost verkauft. Das Tauchaer Afro-Werk gehörte später zum VEB Zuckerverarbeitung Leipzig und wurde 1980 in den neugegründeten VEB Kombinat Süßwaren Delitzsch eingegliedert. Wenn in diesem Werk, das für Taucha als Arbeit- und Lohngeber einst eine bedeutende Rolle spielte, Bonbons, Drops oder Lutscher gekocht und verarbeitet wurden, lag ein süßer, fruchtiger oder erfrischend minziger Duft über der Parthestadt.

An der Leipziger Straße / Ecke Freiligrathstraße wurde im Juli 2004 die Ruine der ehemaligen Bonbonfabrik abgerissen. Nach zehnwöchiger Arbeit und der Fabrikation von 10.000 Tonnen Bauschutt, inklusive der Sprengung des Schornsteins, war vom alten Afro-Werk nichts mehr zu sehen. Zuvor wurden jedoch noch eine alte Drops-Verpackungsmaschine sowie zwei Container voll Bonbon-Dropspapier weggeschafft. Das Gelände ist heute leider immer noch Industriebrache und Abstellplatz.

In Erinnerung an die oft zitierten guten, alten Zeiten danke ich dem früheren Optiker-Meister und Stadtfotografen Joachim Görlich, der über Jahrzehnte mit der Film- und Fotokamera bei so ziemlich jedem Tauchaer Ereignis dabei gewesen ist, so auch beim Abriss der Dropsfabrik. (Und wir danken Filmfreund Jens für diesen neuerlichen Beitrag! Uns war das Afro-Werk nicht bekannt.)

PS.: Das Doppeljubiläum 850 Jahre Stadtrecht und 800 Jahre Rittergutsschloss Taucha ist Anlass für diverse Festivitäten und Aktionen. Eine solche Aktion wird auch die Premiere des Dokumentarfilms über das Leben in Taucha, der Titel: „Kleine Stadt, großes Herz“.

Unser herzlicher Dank für diesen Beitrag geht an Filmfreund Jens! Und Julius schaute wieder ins Telefonbuch von 1973 und fand die Dropsfabrik Taucha, VEB, dort in der Leipziger Straße 100. Ebenfalls herzlichen Dank dafür!

* siehe auch unsere Beiträge „Stern-Brot aus Eutritzsch I und II“ (Januar 2017)

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