Volkmarsdorfer Ruinen II

Aus der Hildegard- auf die Bogislawstraße gesehen, 1987

Aus der Hildegard- auf die Bogislawstraße gesehen, 1987

(A.H.) Um Altes zur Geschichte des ehemaligen Hauses Bogislawstraße 6 (siehe nebenstehendes Foto; das Haus mit Tor und Laden) herauszufinden, steckte unser neuer Mitstreiter Andreas* seine Nase tief in Bücher und Archive:

Die Bebauung des Volkmarsdorfer Südens wurde um das Jahr 1870 realisiert und zwar auf dem Gelände des letzten Volkmarsdorfer Berggutbesitzers Graf von Kleist. Das Areal sitzt wie ein Keil auf der alten Dorfanlage, wobei die Konradstraße die nördliche, die Kirchstraße (heute Hermann-Liebmann-Straße) die westliche und die Torgauer Straße die östliche Abgrenzung darstellt. In der nach Süden ragenden Keilspitze bildete die Bogislawstraße eine West-Ost-Verbindung als Anliegerstraße. Benannt wurde sie nach Bogislaw, einem Sohn des Grafen von Kleist. Innerhalb dieses Viertels waren einst alle Straßen nach Mitgliedern der Familie von Kleist benannt.

Bis 1912 trug das Haus die Nr. 15, da bis dahin die alte Volkmarsdorfer Nummerierung von der Torgauer Straße aus in Richtung Kirchstraße bestand, die ungeraden Hausnummern sich also auf der Südseite der Straße befanden. Nach der Eingemeindung von Volkmarsdorf (1890) wurde die Bogislawstraße erst 1912 wie üblich vom Stadtzentrum weg nummeriert, also von der Kirchstraße in Richtung Torgauer Straße. Somit erhielt nun die Nordseite die ungeraden Nummern (da diese sich meist links befinden), während der Südseite und damit dem hier beschriebenen Gebäude gerade Hausnummern verpasst wurden.

1888 war ein bewegtes Jahr für den gemeinen Volkmarsdorfer Viehgourmet, 15 Fleischer und zwei Hausschlächter buhlten im Viertel um Kundschaft. Vegetarier waren noch selten und Veganer kamen wohl zu dieser Zeit noch nicht einmal in Meyers Konversationslexikon vor. So hatte der geneigte Knackwurstklient in fast jeder Straße seinen persönlichen Wurstdealer. Nur die Hildegard- und Elisabethstraße waren als vom Fleischerhandwerk unbesetzte Bastionen ins Hintertreffen geraten.

In besagtem Jahr 1888 beginnt unsere Geschichte des Anwesens Bogislawstraße 6 und endet nach 100 Jahren, 1988, mit dem Flächenabriss mittels Baggerschaufel, dem Abriss des gesamten Volkmarsdorfer Südens. Das Bauwerk ist aber noch älter, es wurde etwa um 1865 errichtet und verfügte über vier Etagen. Im Erdgeschoss befand sich die Fleischerei nebst Wohnung für den Chef vom Beil. Die Obergeschosse standen diversen Mietaspiranten zur Verfügung. Im Hof war rechts ein Seitengebäude mit zwei Etagen vorhanden, welches in den Quellen aber erst ab 1891 erwähnt wird.

Johann Karl Gerhardt war 1888 Hausbesitzer und Fleischermeister in Personalunion, seine Mitbewohner betätigten sich entweder ebenfalls handwerklich oder führten anderweitige Dienstleistungen aus. Vom Cassenboten, Markthelfer und Briefträger bis zum Kürschner, Klempner, Glaser und Mützenmacher mietete sich alles ein, was malochen konnte. Selbst ein Trödler genoss zwei Jahre lang den Blick auf potenzielle Verkaufsopfer, sogar aus der dritten Etage in die langgestreckte Louisenstraße, wie die Hildegardstraße damals hieß. Bahnangestellte waren in dieser Zeit noch was Besonderes, man nannte sich nicht ordinär Transportfachkraft oder dergleichen, nein, man war von Beruf beispielweise „Packmeister bei der Königlich Preußischen Staats-Eisenbahn“. Voilà!

Die beiden Stockwerke im Seitengebäude auf dem Hof hatte Rohproduktehändler G. Berger bis 1897 im Beschlag, vermutlich befand sich parterre die Handlung und im ersten Obergeschoss die Wohnung des Viktualienunternehmers. 1898 übernahm Herr Bräunlich dieses Geschäft und führte es bis mindestens 1921 weiter.

Meister Gerhardt hatte es nicht weit vom Wurstkessel bis zur Nachtschüssel, es waren nur wenige Schritte vom Laden in die danebenliegenden Ruhegemächer. Aber 1900 war Schluss mit Schlachten, unser Mann wollte kein Messer mehr zücken, vermietete sein Geschäft an Fleischermeister E. Ehrig und machte sich mit seiner Familie in der ganzen ersten Etage einen bequemen Metzgerabend.

Nach einem Jahr hing Herr Ehrig die Gummischürze an den Haken und Fleischermeister C.W. Brose übernahm. 1906 verstarb Johann Karl Gerhardt, seine Witwe verfolgte von nun an mit strengem Blick die unter ihren Dielen ablaufenden Broseschen Darmfüllungskünste – welche wohl nicht von sonderlichem Erfolg gekrönt waren, denn schon 1907 versuchte sich Fleischermeister O. Täschner als „Hackleberry Finn“. Er wirkte immerhin bis 1912, um dann K. Gerhard (ab 1913/14 wird der Familienname Gerhard nicht mehr mit „dt“ geschrieben) mortadellieren zu lassen. Herr Gerhard, wahrscheinlich der Sohn vom altem Meister Johann Karl Gerhardt, wirkte vorerst noch als Fleischer im ehemals elterlichen Geschäft, ab 1919 schließlich führte auch er den Titel Fleischermeister.

Anfang der 1900er Jahre vergrößerte sich die berufliche Vielfalt der in den oberen Etagen residierenden Hausinsassen, nun wollten sich mit Schriftsetzer, Buchbinder und Kartograph vermehrt Erwerbstätige aus dem grafischen Gewerbe in Mutter Gerhardts Gemächern die Druckerschwärze von der Haut blättern lassen. Eine Ausnahme bildete Postillon Warlich, welcher 1906 unterm Dach wohl zu kräftig ins Horn geblasen hatte und seinen Ausguck nach einem Jahr räumen musste.

Um 1921 verkaufte die Gerhard(t)sche Erbengemeinschaft das Grundstück an Fleischermeister M. Rohn, welcher von nun an (vielleicht unter dem Motto „Leber und Leber lassen“) die Geschicke des Geschäfts über viele Jahre erfolgreich auch durch wirtschaftlich schwere Zeiten zu führen wusste. So konnte ab 1927 der Bauchspeck via Sprechapparat bei Meister Rohn bestellt werden, die Reichspost hatte für einen Telefonanschluss gesorgt. Ein Jahr später hatte man auch nichts mehr mit nörgelnden Mietern am Hut, solche Petitessen regelte von nun an Herr Staun von der Grundstücks-Verwaltung aus der Berggartenstraße 8. Leider nur bis 1933, dann gingen die Bewohner dem Fleischer wieder persönlich auf die Pelle.

Anfang der 1920er Jahre wurde das Seitengebäude im Hof wohl nicht mehr von Herrn Bräunlich zur Ausübung gewerblicher Lebensgestaltung genutzt, da dieser es 1923 vorzog, seinen Gemüsekittel durch eine Uniform zu ersetzen und zum Posthelfer avancierte. Möglicherweise lebten die Bräunlichs aber weiterhin in der Wohnung im Hof, die Quellen sind hier nebulös. Wenigstens beendete ab 1929 der Renteneintritt Herrn Bräunlichs Ausflug zum gelben Horn und 1937 wurde er von seinen irdischen Pflichten abberufen. Witwe Bräunlich hielt von nun an alleine die Stellung im rückwärtigen Anbau, vielleicht wurde dieser aber auch von der Fleischerei in Vorderhaus gebraucht, hier kann nur spekuliert werden. Fakt ist, dass besagtes Gebäude bis nach 1950 genutzt wurde, nachweislich noch 1949 von Mechanikus Rolf Ritter.

Zurück zum Vorderhaus: Meister Rohn brillierte nicht nur am Hauklotz, sondern klotzte auch nach Ladenschluss richtig rein und sorgte für geeigneten Nachwuchs. So war es nicht verwunderlich, dass 1938 Erich Rohn im Tempel der Haxen seinen ersten Auftritt hatte. Papa Rohn zog sich schließlich 1939 in den Ruhestand zurück und überließ seinem Nachfolger die Bürde, sich als flinker Filetierer durch dunkle Zeiten messern zu müssen.

Lende gut, alles gut? Leider nein! Denn in der folgenden Epoche der vielfältigen Entbehrungen bedurfte es einiger Fantasie, um den abgemagerten Volkmarsdorfern die nötigen Dosen Gehacktes verabreichen zu können. Dies gelang Erich Rohn und seinen Jüngern über viele Jahre, bis ein städteplanerisches „Wurst-Case-Szenario“ die fleischhaltige Laufbahn der Bogislawstraße 6 für immer beendete. Heute befindet sich an dieser Stelle ein 1980er-Jahre-Neubaublock; nur die undefinierbar rötliche Färbung der Fassade erinnert noch entfernt an die verflossene Fleischerei.

* siehe auch unseren/seinen Beitrag „Aktenzeichen L.E. ungelöst IIa“ über die nicht mehr existierende Brauerei Offenhauer in der Prager Straße (Mai 2015)

Hinweis: Die Jahreszahlen, Straßennamen, Hausnummern, Familiennamen und Berufsbezeichnungen sind quellentechnisch belegt

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