Alles Ratzel, oder was?

Der Feldhase springt leider aus dem Bild

Der Feldhase springt leider aus dem Bild

Die Ratzelstraße wurde im August 1908 nach Friedrich Ratzel benannt. Damals hatte man begonnen, die Wohnanlage Meyersdorf zu errichten, damals befand sich die Straße noch allein auf Kleinzschocherschem Gebiet. Mit Beschluss vom Oktober 1977 erhielt auch deren Verlängerung, die neue Ost-West-Verbindung des im Entstehen begriffenen Neubaugebiets Grünau, diesen Namen. Heute führt die Ratzelstraße durch Kleinzschocher, Grünau-Mitte, Grünau-Siedlung und Lausen-Grünau, von den Meyerschen Häusern bis zum Kulkwitzer See.

Ratzel (1844-1904) war Professor für Geographie und lehrte als solcher von 1886 bis zu seinem Tode  an der Universität Leipzig. Der in Karlsruhe Geborene lernte in der Apotheke in Eichtersheim (gehört mittlerweile zur Gemeinde Angelbachtal) und studierte anschließend in seiner Geburtsstadt sowie in Heidelberg Naturwissenschaften. Er unternahm, zum Teil als Zeitungskorrespondent, Forschungsreisen in die Alpen und den Mittelmeerraum, in die USA, nach Mexiko und nach Kuba. 1876 wurde er Professor in München und beschäftigte sich dort bereits mit den Zusammenhängen von Geographie und Geschichte sowie von Geographie und Politik. 1886 kam er als Nachfolger Ferdinand von Richthofens nach Leipzig, wo er unter anderem 1899 den Begriff „Umwelt“ in die Wissenschaftssprache einbrachte.

Das und einiges mehr ist bei Gerhard H. Müller in der Neuen Deutschen Biographie 21 (2003, Online-Version) zu erfahren. Ebenfalls dort ist von einer Marmorbüste die Rede, die 1908, im Jahr der Straßenbenennung, geschaffen wurde und noch 2003 als Leihgabe des Geographischen Instituts der Universität Halle (nicht Leipzig!) im Friedrich-Ratzel-Gymnasium gestanden hat. Leider gehört das Gymnasium (Adresse: An der Kotsche 39/41) seit 2004 der Vergangenheit an, die beiden Gebäude an der Ratzelwiese werden zur Zeit komplettsaniert und sollen im Anschluss daran von der Martin- und der 78. Schule genutzt werden. Die Ratzelwiese wiederum ziert seit 2016 ein Schild mit Informationen zu Friedrich Ratzel.

Der KOMM e.V. hatte sich seinerzeit für die Benennung stark gemacht und mit folgenden Worten an die Stadt gewandt: „… die im Wohnkomplex 8 liegende Wiese im Kreuzungsbereich Miltitzer Allee / Alte Salzstraße wird mehrfach im Jahr für größere Veranstaltungen genutzt. Intern und mittlerweile auch nach außen hin nennen wir diesen Ort Ratzelwiese – um die Ortsbenennung zu vereinfachen und maßgeblich beeinflusst durch das daneben stehende ehemalige Ratzelgymnasium. Der damalige Geographielehrer Jens Joachim hatte sich seinerseits sehr für die Namensgebung der Schule eingesetzt. Es gibt ja die unmittelbare Verbindung zwischen Friedrich Ratzel, Geographie und Leipzig. Außerdem haben wir in Grünau die Ratzelstraße und den Ratzelbogen (als Außenstelle der Stadt Leipzig). Somit ist der Name ‚Ratzel‘ in Grünau vertraut.“

Richtig: Ratzelstraße, Ratzelgymnasium, Ratzelwiese und Ratzelbogen, hinzu kommt die erst im Januar offiziell an ihre Lehrer und Schüler übergebene Ratzelschule beziehungsweise Oberschule Ratzelstraße (Hausnummer 26), ein denkmalgerecht saniertes Gebäude aus den 1920er Jahren. Der Ratzelbogen hingegen wurde 1993 fertiggestellt, postalisch befindet er sich in der Kiewer Straße. Mit dem darin ansässigen Bürgeramt, Abteilungen des Amts für Jugend, Familie und Bildung, des Ordnungsamts und des Städtischen Bestattungswesens stellt er de facto das Grünauer Rathaus dar. Man kann sich hier an- um- oder abmelden, diverse Papiere beantragen und abholen sowie Widersprüche einlegen. Rundherum haben sich verschiedene Dienstleister und Geschäfte angesiedelt.

Läuft man die Ratzelstraße von vorn bis hinten ab, findet man noch viel mehr! Wir starten am historischen Ausgangspunkt und landen gleich bei Bäcker Lampe, wo es neben vielen anderen Sachen Schusterjungen, Bäckermützen und Doppelbrötchen nach DDR-Rezept zu kaufen gibt. Die Tasse Kaffee kostet 1,50 Euro, zwei Tische bieten fünf Plätze. Vorbei an einer Giebelwerbung für einen Baumarkt, den wir längst vergessen hatten (Götzen), nähern wir uns der Kreuzung von Ratzel- und Schönauer Straße. Hier beginnt Grünau, stand links die einmal sehr beliebte Gaststätte und Nachtbar Immergrün, rechts steht nach wie vor die fast 90 Jahre alte Bergsiedlung.

Im Hintergrund grüßen Neubauten, ein Muster, das größtenteils bis Lausen gilt: Siedlungshäuser und breite Grünstreifen prägen das Bild, die Neubaublöcke rücken selten direkt an die Straße. Auch der Bauspielplatz der Caritas in der Ringstraße nicht, aber er ist gut zu sehen. Nebenan baut Lidl um – und schon sind wir am Gelände der 85. Schule. An dessen Zaun sucht ein ausgewachsener Feldhase vergebens die Lücke. Alles dicht! Also springt das Tier weiter in den Gebüschstreifen am Football-Platz (Adresse: Ratzelstraße 102, interner Name: Ratzelstadion!). Wir folgen ihm, verlieren seine Spur und schauen plötzlich von oben auf die Anlage der Leipzig Lions, die übrigens seit Anfang April wieder hier trainieren, ihr Hallenwinter ist vorüber.

Siedlungshäuser, Bahngleise, Asphaltband – der Spaziergang bringt uns nun an den bereits erwähnten Ratzelbogen. „Stadt Leipzig, Außenstelle Grünau“ prangt es von der Fassade. Der Parkplatz dahinter verwundert mit einer ungewöhnlichen Vorschrift zur Ausfahrt. Man muss links raus, obwohl es nach rechts einfacher und weniger gefährlich wäre. Außerdem könnte man ja auch nach rechts abbiegen wollen. Doch sollte man sich bei allem Kopfschütteln über die Beschilderung an selbige halten, unseren Langzeitbeobachtungen zufolge ist nämlich die Ratzelstraße die Grünauer Straße mit dem höchsten Polizeiaufkommen. Hier fährt immer ein Streifenwagen vorbei. Fast logisch, schließlich hat sich hinten in der Nummer 222 das Polizeirevier Leipzig-Südwest einquartiert.

Womit wir fast am Ende wären, an der Straßenbahnwendeschleife mit Aldi, riesigem Park-&-Ride-Platz und relativ kurzem Fußweg zum Kulkwitzer See. Autofahrer, die ans Wasser noch einkaufen gehen wollen, müssen hier die Wahl zwischen Lausen und Miltitz treffen beziehungsweise zwischen Zwenkau und Markranstädt. Oder sie kehren um und fahren die ganze Ratzelstraße entlang zurück bis nach Meyersdorf.

Dieser Beitrag erschien auch im Grün-As 04/2019

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