Der Gasthof Stünz

Gasthof Stünz, Anzeige im Adressbuch, 1919

Gasthof Stünz, Anzeige im Adressbuch, 1919

(A.H.) Errichtet wurde der Gasthof 1870 von Moritz Offenhauer, welcher sich in Thonberg an der Ecke von Reitzenhainer und Riebeckstraße als Brauereibesitzer betätigte*. Wohl daher gelangte in Stünz auch Thonberger Tafelbier zum Ausschank. Das Gebäude im alten Ortskern wechselte Straßennamen und Hausnummern, ohne seinen Standort zu ändern. Bis 1912 lautete die Anschrift Hauptstraße, bis 1950 Thielmannstraße, von da an Rudolf-Renner-Straße und seit 2000 Julius-Krause-Straße. Über viele Jahre trug der Gasthof die Hausnummer 1. Dies ist jedoch die Brandkatasternummer**, Hausnummern wurden in der damaligen Thielmannstraße erst 1938 vergeben. Die Vergnügungsstätte erhielt die Nummer 30.

Moritz Offenhauer hat nie den Wirt hinterm Tresen gegeben und sich auf seine Bierproduktion konzentriert, das Lokal wurde verpachtet. Für 1876 ist B. Fröhlich belegt, in einer Anzeige im Leipziger Tageblatt wird für Januar die Eröffnung des „neuen Saales“ verkündet. In der Folgezeit wird das Lokal als Neuer Saal zu Stünz beworben. Eine Erweiterung des Restaurationsbetriebs erfolgte 1893. In der südöstlichen Ecke des Grundstücks wurde ein sogenannter Sommersaal erbaut, bestehend aus einer mit gelben Ziegeln ausgekleideten Fachwerkkonstruktion. Auf einem Stadtplan-Ausschnitt von 1920 sind beide Bauwerke zu sehen. Einen Freisitz gab es natürlich auch, wie alte Ansichtskarten zeigen***. Ein erneuter Umbau des Saals im Gasthaus wurde 1899 vorgenommen, die Details sind nicht bekannt. In einer Anzeige verkündet der Pächter Karl Grothe stolz den Abschluss der Arbeiten und lockt seine Gäste mit einem prachtvoll ausgestatteten Saal.

Ende der 1920er Jahre lief der Betrieb schlecht. Der damalige Betreiber Bruno Hänisch plante gar die Einrichtung eine Wäschereianlage, um die Rückgänge der Saalwirtschaft zu kompensieren. Ende 1941 wurde der Saal für ganz andere Zwecke gebraucht, die Vereinigten Flugmotoren-Reparaturwerke richteten hier ihr „Gefolgschaftsheim“ ein, womit wahrscheinlich das „Italiener-Lager“ der Propeller-Schrauber vom alten Messegelände gemeint sein dürfte. Außerdem beherbergte der ehemalige Tanztempel 1944 englische Kriegsgefangene.

Nach Kriegsende wurde der Sommersaal zu gewerblichen Zwecken umfunktioniert, 1946 richtete sich dort eine Tischlerei ein. Ballsaal und Biergarten hingegen kamen langsam wieder auf Touren. Bis nach 1952 wurde noch mal richtig geschwoft, was die Nylons hergaben, sofern man welche hatte. Dann war Schluss. Ab 1954 ersetzte die Ruhe des lagernden Buchs das einst tolle Treiben auf den Dielen. Der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG****) nutzte die verflossene Stätte des Frohsinns zur Lagerung seiner Buchbestände für Bibliotheken. Aus den Gaststuben wurden Pack- und Aufenthaltsraum, der Ballsaal mutierte zum Bücherlager.

Nach und nach verflüchtigten sich die Bauwerke. Als erstes ging der Sommersaal von dannen, er wurde Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre abge-brochen. Auf Grund mangelhafter Unterhaltung der Baulichkeiten verrottete auch der alte Gasthof zusehends. Das Dach wurde undicht, der Stuck in Saal löste sich. Dann brach auch noch der Bühnenboden teilweise zusammen. Die Last der akkumulierten Druckschriften war ungleich höher als die der früher dort agierenden Tonkünstler. Schließlich erwog die Bauaufsicht, das Gebäude ab 1991 zu sperren. Der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel stellte die Nutzung ein. Anschließend kam es noch schlimmer, der Gasthof wurde ausgeschlachtet und u.a. seiner alten Dielen in Saal, Galerie und Bühne beraubt. Trotzdem war das Objekt am 6. Juli 1996 Bestandteil der erfassten Kulturdenkmale des sächsischen Landesamtes für Denkmalspflege. Den unmusikalischen Schlussakkord setzte im Juli 2000 die Saaldecke. Sie stürzte komplett ein, die Gravitation hatte gewonnen. Vom alten Gasthof Stünz waren 2006 nur noch die Umfassungsmauern, der Bierkeller und die Bühnenwände erhalten.

Quellen: Die wichtigsten Aussagen zur Geschichte des Gasthofs Stünz in dieser Abhandlung sind Reinhard Geßner zu verdanken. Der Tauchaer war jahrelang beim Bauordnungsamt der Stadt Leipzig u.a. für dieses Objekt zuständig gewesen. In der Sellerhäuser Depesche (Schrift für Sellerhausen und Stünz), Ausgabe 10/2013, hat er einen sehr lesenswerten Bericht darüber verröffentlicht.

* siehe auch unseren Beitrag „Aktenzeichen L.E. ungelöst II“ (März 2015)
** siehe auch unseren Beitrag „Alte Schilder in Neustadt“ (März 2016)
*** wir haben leider keine in der Sammlung
**** siehe auch unseren Beitrag „Mehr lesen, wissen, können“ (Oktober 2013)

Nachtrag 1: Wir danken Andreas (= A.H.) für seine Ausführungen und besuchten die einstige Thielmannstraße vor wenigen Tagen. Das ruhige Stünz und der angrenzende Park gefallen uns immer wieder. Auf dem Weg zwischen beiden fielen uns Plakate und Flyer auf. Denen zufolge bittet u.a. der Bürgerverein Sellerhausen-Stünz (www.bv-sellerhausen.de) am 3. Mai 2019, um 17 Uhr, zu einem Protest- und Informationsspaziergang, beginnend an der Ecke von Karl-Härting- und Cunnersdorfer Straße. Kommt der Mittlere Ring Südost, ist es hier nämlich mit der Ruhe vorbei, dann wird die Karl-Härting- zu einer Hauptverkehrsstraße.

Nachtrag 2: Wir danken Julius! Bereits für unseren Beitrag „Staunen über Stünz“ (Februar 2019) hatte er in der Deutschen Fotothek 1997er Fotos vom Stünzer Gasthof (damals noch Rudolf-Renner-Straße, Fotograf war Stefan Straube) entdeckt. Die können wir aus urheberrechtlichen Gründen nicht zeigen, aber Ihr wisst ja nun, wo sie zu finden sind.

Nachtrag 3: Wir danken Bernd! Er hat uns über einen Facebook-Kommentar auf www.stuenz.de geführt. Dort, unter „Bilder aus Stünz“, sind der Gasthof, die eingestürzte Decke sowie zusätzlich das Restaurant Landhaus zu Stünz zu sehen (u.a. auf einer Ansichtskarte von 1904). Das Landhaus stand am Schnittpunkt von Zweenfurther und jetziger Julius-Krause-Straße, also eine Ecke vorm Sommersaal.

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