Das alte Naundörfchen

Naundörfchen 1940 (Foto: Werner Stein / wortblende)

Naundörfchen 1940 (Foto: Werner Stein / wortblende)

Auf den Seiten des Leipziger Blogs wortblende finden sich u.v.a. einige Farbaufnahmen des alten Naundörfchens. Zu verdanken haben wir die dem Vater von Blogger Harald Stein, weswegen unser Gespräch auch mit folgender Frage beginnt:

Wurde Dein Vater (1914-1977) in Leipzig geboren?
Ja, in Leipzig-Möckern, und er hat immer in Leipzig gelebt, außer zu Kriegszeiten.

Dein Großvater war Stadtbaumeister?
Schwieriges Thema, weil ich da keinen mehr befragen kann. Ich habe mehrere postalische Belege, auf denen Stadtbaumeister Gerhard Stein drauf steht. Und fest steht, dass er städtischer Beamter gewesen war. Aufgaben? Im bebilderten Artikel über den Thüringer Hof hatte ich zumindest ermittelt, dass er im Jahr 1947 mit dem Wiederaufbau des Thüringer Hofs zu tun hatte. Ich habe ihn auch nicht mehr persönlich kennengelernt – er war schon vor meiner Geburt verstorben. Architektonisches Interesse hat er nicht an seine Nachkommen vererbt. An mich die alten korrekten Stadtpläne des Leipziger Tiefbauamtes von 1903, 1907 und 1912. Schon als Kind hab ich mich für alte Karten interessiert und einige meiner historischen Originalkarten (u.a. aus Gaeblers Geografischem Verlag, L.-Neustadt!) stammen vielleicht auch von meinem Großvater. Da macht digitalisieren so richtig Spaß.

Waren Dir die 1930er/40er-Jahre-Dias Deines Vaters unbekannt, bevor Du sie erbtest?
Stimmt, diese Dias kannte ich bis zum Herbst 1977 noch nicht. Das war damals eine ganze Schachtel voll alter Dias, alle aus dieser Zeit auf Agfacolor und alle mehr oder weniger farbstichig. Da habe ich erstmal aussortiert: Interessante Leipzig-Stadtaufnahmen auf die eine Seite und so typische Urlaubsbilder von mir unbekannten Gegenden mit meist nur Wald- und Feldmotiven auf die andere Seite. Letztere hab ich dann Ende der 1970er Jahre weggeworfen. Das steht, glaube ich, auch im Blog so ähnlich drin.

Wann und warum hast Du die Nachher-Aufnahmen zu Deines Vaters Bildern gemacht?
So um 2005 hatte ich mir einen Nikon-Filmscanner Coolpix III zugelegt und begonnen, ein paar ältere Dias zu digitalisieren, auch die alten Dias meines Vaters. Aus seinen schriftlichen Aufzeichnungen, er hatte zu jedem Bild auf einer Karteikarte kurze Angaben zu Bildnummer und -inhalt gemacht, hatte ich entnommen, dass sowohl die Gegend an der Gerberstraße als auch die am Naundörfchen einfach verschwunden war. Ich war gespannt, ob man vor Ort noch Spuren aus der Vergangenheit finden kann. Aber zuerst habe ich auf den großväterlichen exakten Karten die historische Lage eingekreist und bin dann so etwa ab Sommer 2014 Richtung Naundörfchen in die historische Spur gegangen. Und das macht dann richtig Spaß und auch bisschen süchtig, wenn man kleine Anhaltspunkte finden kann.

Hat Dein Vater eventuell mal dort oder in der Nähe gewohnt?
Nein. Er fand’s damals sicher auch interessant und wusste vielleicht auch, dass der Abbruch dieser Gegend, spätestens nach Kriegsende, vorgesehen war.

Was war Dein Vater von Beruf?
Er war Entwicklungsingenieur im Bereich Funkmechanik, hatte in Stötteritz bei Dietz & Ritter / Körting Radio gelernt und war dann im Bereich Funkmesstechnik – Radar – bei Löwe Opta, auch in Stötteritz, dann bei Telefunken in Berlin und nach dem Krieg im Fernmeldewerk Leipzig an verschiedenen Standorten tätig.

Gibt es weitere Leipzig-Aufnahmen aus dem Nachlass Deines Vaters?
Agfacolor-Dias: Innenstadt-Aufnahmen, auch im Blog. Schwarzweiß: Aus den 1930er und 40er Jahren nur Papierabzüge, die ich zum Teil mit Flachbettscanner digitalisiert habe. Rollfilme (schwarzweiß): Mit Stadtaufnahmen aus dem Jahr 1953, Hochwasser und 17. Juni, und auch ab und an paar Dias von der Leipziger Innenstadt, 1960er und 70er Jahre.

In welchem Stadtteil wohnten Deine Eltern hauptsächlich?
Zuerst in der Elsterstraße, das ist Zentrum-West, dann bis 1977 in der Südvorstadt.

Wie kam es zu Deinem Interesse für Stadtgeschichte?
Als wir 1975 von der Abteilung Wohnraumlenkung eine ruinöse Wohnung in L.-Neuschönefeld zugewiesen bekamen, hat man sich schon die Frage gestellt, wie alt eigentlich die Häuser dort so sind und warum einem sowas als Absolventen unserer sozialistischen Hochschulen zugemutet wurde. Aber Sarkasmus mal außen vor gelassen – ich habe damals viel fotografiert und auch dokumentiert. Schwarzweiß-Fotos hab ich selbst entwickelt und vergrößert und ab 1980 auch Farbbilder. Wir sind auch ab und zu umgezogen – nach und in Neustadt. Mitte der 1980er Jahre habe ich Herrn Wohlrath, den Chronisten von Schönefeld, kennengelernt. Er hat mir viel über die Neustädter Gegend erzählt und ein paar Schreibmaschinenseiten mit Literaturrecherchen gegeben. Bis dahin war Neustadt-Neuschönefeld fast ein weißes Blatt in der Leipziger Regionalgeschichte. Ich habe viel in der Bibliothek des Stadtgeschichtsmuseums, in der Deutschen Bücherei und auch im Stadtarchiv Leipzig – damals oben im Neuen Rathaus – recherchiert. Im Jahr 1987 haben wir, soweit ich mich erinnere im Rahmen der Arbeit im damaligen Wohnbezirksausschuss (WBA) 102 erstmals einen regionalgeschichtlichen Abend organisiert. Herr Wohlrath war natürlich auch dabei. Daraus ist dann nach vielem Kampf um Druckrechte ein erstes Heft zur Wohngebietsgeschichte von L.-Neustadt erschienen, siehe Blog. Das war dann fast ein Selbstläufer, mit kleinen Unterbrechungen bis heute. Und wie Du siehst, kann man auch heute noch interessante Details entdecken, über die schon lange keiner mehr geschrieben hat. Wenn man genau hinschaut, dann findet man immer wieder was …

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