Fotomotive Historie

Kabelverzweiger in Leipzig

Kabelverzweiger in Leipzig

In Stötteritz sahen wir unlängst einen schlanken grünen Kasten von altertümlicher Ausstrahlung. Aufmerksam und neugierig wie wir sind, machten wir ein Bild und fragten auf unserer FB-Seite: „Was ist das?“ Michael Rudloff antwortete schnell: „… ein Kabelverzweiger der Deutschen Reichspost.“ Und wenn man einmal den richtigen Begriff hat, bereitet auch die Suche nach weiteren Informationen Freude. Michael Rudloff verriet noch das: „Es sind Zeugnisse der Telefoniegeschichte, die vor nahezu 100 Jahren von der Reichspost aufgestellt wurden, um die Anschlüsse des Telefonnetzes auf die einzelnen Sprechstellen zu verteilen.“ Und er verwies auf die L-IZ, die am 17.12.2020 von der Rettung eines alten Linienverzweigers (den großen Brüdern der Kabelverzweiger) durch den Lindenauer Stadtteilverein berichtete.

Nun ging es Schlag auf Schlag, fanden wir weitere Kabelverzweiger, die auch Fernmeldeverteiler oder Telefonanschlusshäuschen genannt werden, und bekamen Antworten von der Reichspost-und-Deutsche-Post-Nachfolgerin Telekom sowie aus der Leipziger Stadtverwaltung. Zunächst hatten wir uns an ein ähnliches Bauwerk in Großzschocher erinnert, dann durch puren Zufall einen weiteren Verzweiger vor der Plagwitzer Heilandskirche entdeckt (Foto oben). Georg von Wagner aus der Pressestelle der Telekom schrieb auf unsere Anfrage hin: „… es handelt sich um sehr alte Kabelverzweiger aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Sie sind allesamt nicht mehr in Betrieb. Alle befinden sich außerdem auf der Denkmalliste des Freistaates Sachsen. Daher dürfen sie nicht abgerissen oder versetzt werden.“ Und er wusste von zwei weiteren Standorten, einem in der Südvorstadt und einem in Neulindenau. Außerdem sei ein Verzweiger „bereits 1999 an die Ev. Luth. Nathanaelkirchgemeinde Leipzig-Lindenau abgegeben worden“, „welcher aber“, wie Dorothea Braun aus ebenjener Gemeinde mitteilte, „gerade abgebaut ist und notgesichert wird“.

Aus der Stadt, genauer dem Amt für Bauordnung und Denkmalpflege, erhielten wir die Bestätigung: „Sie sind frühe Zeugnisse der Telekommunikation und dienten der Umverteilung aus der Straße zu den Quartieren … überwiegend in Besitz der Deutschen Telekom und werden zu Teilen über Vereine – so etwa in Lindenau – betreut.“ Laut LVZ vom 08.12.2017 gibt’s so ein Ding auch am Tauchaer Markt. Erwähnt wird in dem Zusammenhang das Museum für Kommunikationstechnik in Frankfurt/Main. Wir möchten zudem auf das näherliegende Fernmeldemuseum Dresden aufmerksam machen, auf dessen Internetseiten ebenfalls verschiedene Typen von Kabelverzweigern zu sehen sind. Zum Schluss folgt eine Auflistung der in Leipzig überdauert habenden Exemplare, von denen wir bisher erfahren konnten:

Großzschocher: Dieskaustraße (mit Herstellerschild Ed. Puls Tempelhof Berlin)
Lindenau: an der Nathanaelkirche (z.Zt. abgebaut**)
Neulindenau: Plautstraße (Danke an den Lindenauer Stadtteilverein)
Plagwitz: Erich-Zeigner-Allee
Schleußig: Rödel- / Ecke Rochlitzstraße (Danke an Peter*)
Stötteritz: Gletschersteinstraße
Südvorstadt: Karl-Liebknecht-Straße (nicht gefunden)
Waldstraßenviertel: Feuerbachstraße / Liviaplatz (Danke an Freddo)
Zentrum-Süd: Riemannstraße / Ecke Floßplatz

* Nachtrag am 04.12.2021: Peter hat einen weiteren Kabelverzweiger geschickt, den von der Ecke Rödel- und Rochlitzstraße, leider schrieb er dazu: „In Schleußig stand auch einer, bis vor einem halben Jahr.“ Immerhin haben wir das Foto! Herzlichen Dank!

Nachtrag am 10.02.2022: Sensationelle Neuigkeiten aus der Vergangenheit! Matthias Rauch meldete sich per Mail: „Ich hatte bei der Telekom in den Jahren bis 1997 mit solchen Kabelverzweigern zu tun (Schaltarbeiten, Anschlüsse prüfen …). Damals waren die teilweise noch in Betrieb, zumindest 1995 war das noch so, bis diese in den Folgejahren durch ein neues Netz abgelöst wurden.“ Und es geht weiter: „Interessant waren auch die alten Linienverzweiger, die nicht auf der Straße standen, sondern wie … begehbare Schalträume z.B. im Alten und Neuen Rathaus und im Kosmoshaus in einem Kellerraum in Betrieb waren. Am Neuen Rathaus ist der Eingang von außen links neben dem Eingang zum Ratskeller – man steigt eine Stiege herunter bis zu einer Tür durch den Lichtschacht und gelangte so in einen Schaltraum aus Reichspostzeiten mit Anschlussverschraubungen aus Keramik mit Messingschrauben. Aber da man zu der Zeit nicht so wie heute fotografiert hat, habe ich nichts weiter dazu.“ Sehr schade! Aber dafür hat Matthias ein Schaltbuch aus Vor-DDR-Zeiten in seinem Besitz. „Es  war der KVZ 5N33 vom Kirchplatz in Gohlis mit „Straßennamen zum Teil noch aus dem Kaiserreich“ sowie Adressen, Namen und Telefonnummern. Herzlichen Dank!

Nachtrag am 22.04.2022: An der Ecke von Riemannstraße und Floßplatz fiel uns beim tausendsten Vorbeilaufen ein weiterer Kabelverzweiger ins Blickfeld.

** Nachtrag am 25.07.2022: In der Rietschelstraße neben der Nathanaelkirche könnte das wiederaufbereitete Exemplar stehen und in seiner Form an eine Litfaßsäule erinnern. Wir brauchten erst Mathias‘ Hinweis, um das zu erkennen. Danke!