Leipzig-Buch von 1906, Teil 1

Partie an der Rennbahn

Partie an der Rennbahn

Durch Zufall – es ist immer so – stießen wir im Internet auf ein Leipzig-Buch von 1906. Es erschien uns interessant, wir erwarben es nach einem Anruf im Anitquariat in der Zschocherschen Straße. „Leipzig und die Leipziger“, heißt das Werk, von dem nach 112 Jahren noch einige Exemplare zu haben sind, und im Untertitel: „Leute, Dinge, Sitten, Winke“. Das wirkte auf uns, als hätte der Geheimtipp Leipzig einen Vorgänger gehabt.

1906 war das Neue Rathaus wirklich neu, das Völkerschlachtdenkmal noch nicht gebaut und auch der Hauptbahnhof (damals Zentralbahnhof genannt) erst im Entstehen. „Gute preiswerte Weine“, preist der Ratskeller in einer Anzeige gleich auf der allerersten Seite an. „Sämtliche Weine sind vom Rate der Stadt Leipzig angekauft“, heißt es weiter, der „Ausschank in Schoppen“ sowie „vorzügliches Essen“ sollen außerdem locken. Es finden sich Dutzende anderer Anzeigen im Buch. Normalerweise gehören sie in ein solches gar nicht hinein, sind sie allerdings über hundert Jahre alt und aus Leipzig, studieren wir sie gern.

Der Autor unterzeichnet sein Vorwort am 1. April (!) 1906 mit Heinz Georg und widmet das Werk seinen „lieben Leipzigern in Tapferkeit“, er muss ein Satiriker gewesen sein. Als Georg Müller-Heim („Redakteur. Hält jeden Sonntag die Frühpredigt. Reist gern ikognito. Nimmt zu an Alter, Beleibtheit und – Übermut vor Leipzig und den Leipzigern.“) taucht er in der Rubrik „Leute“ auf, Unterrubrik „Literatur und Journalistik“, mit Adresse und Kurzbeschreibung.

Bei den „Behörden“ sind u.a. Oberbürgermeister Bruno Tröndlin, Oberbürgermeister a.D. Otto Georgi und Bürgermeister Rudolf Dittrich genannt, außerdem Stadtbaurat Wilhelm Scharenberg, Stadtrat Gustav Esche und Stadtverordnetenvizevorsteher Karl Rothe. Wir erfahren Straßen und Hausnummern von Politikern (z.B. Julius Motteler), Wissenschaftlern (z.B. Wilhelm Ostwald und Wilhelm Wundt), Künstlern (z.B. Max Klinger und Arthur Nikisch), Geschäftsleuten, Sportlern und Schönheiten (Albertine Zehme aus Gautzsch).

Dann teilt Müller-Heim Straßen und Viertel von ruhig (Grimmaische Straße – wahrscheinlich ein Scherz) über elegant (Johannisgasse) bis hin zu dunkel (Matthäiviertel) und anrüchig (Sternwartenviertel) ein, bezeichnet Gohlis als „Paradies der Küchengeister“, Großzschocher als „Kuhschnappel der Leipziger“ sowie Lindenau als „Ziel aller Sonntagssüchtigen“ und gibt einen Überblick über die Presse: Leipziger Tageblatt, Leipziger Neueste Nachrichten, Leipziger Abendblatt, Leipziger Stadt- und Dorfanzeiger, Leipziger Volkszeitung („Redakteure werden immer gebraucht“) und Leipziger Zeitung, jeweils versehen mit launigen Kommentaren.

Zum Krystallpalast schreibt er: „Großstadt. Kaltes Eisengerippe. Um so üppigere halbe Welt.“ Über das Theater am Thomasring lesen wir: „Hat seinen Beruf verfehlt.“ Und der Palmengarten sei ein „Heiratsbüreau“ – „Man gondelt, um einmal ungestört zu sein, gerät dabei aber meist in den Ehehafen.“ Ball- und Wirtshäuser kriegen ihr Fett weg („Alt-Heidelberg: Verschiedene Käthis warten auf ihre Karlheinze.“), der Bärlauch wird als Knoblauch bezeichnet und Eutritzsch wegen seiner Gosen- und Obstweinlokale und des Treibens dort als „Leipzig-Sodom“.

Bockbierfeste galten 1906 als Leipziger Spezialität. „Wen man nicht leiden kann, dem wirft man eine Portion Konfetti ins Bier. Wen man leiden mag, dem auch. Viel Radau und gute Verdauung“, fasst Müller-Heim den Ablauf zusammen. Von den Redensarten versteht man bis heute Sumpfen („Untertauchen im Strudel der Großstadt“), Mach ’ner geene Mährde! („Zier dich nicht!“) und Du bist wohl aus Dösen? („Du bist komplett verrückt.“). Als Nationalspeisen und -getränke sah man seinerzeit Speckkuchen und Leipziger Allerlei („Wird draußen besser bereitet als in Leipzig“) sowie Gose und Kaffee („Wird zu jeder Mahlzeit getrunken“) an.

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