Am 9. Februar 1990 berichtete die Leipziger Volkszeitung über zwei Betriebe der hiesigen Gastronomie und Hotellerie, die das Zeitliche lang schon gesegnet haben. Damals waren sie noch aktiv und blickten sicher positiv in die Zukunft, zum einen das Restaurant Stadt Kiew in der Petersstraße (fast am Markt), zum anderen das Hotel Stadt Leipzig, gegenüber vom Hauptbahnhof gelegen.
„Zehn erfahrene Köche und Kenner* vom Restaurant ‚Goldenes Tor‘ aus der Partnerstadt Kiew begannen dieser Tage einen achtwöchigen Einsatz im Restaurant Stadt Kiew und werden gemeinsam mit den Leipziger Gastronomen die Gäste mit russischen und ukrainischen Gaumenfreuden verwöhnen. Dieser Facharbeiteraustausch kam jetzzt auf Initiative des Chefs vom ‚Stadt Kiew‘, Günter Fritsche, in Zusammenarbeit mit der Gaststättenvereinigung KIEWRESTORANTREST zustande.
Zu weiteren neuen Serviceangeboten der beliebten Nationalitätengaststätte am Markt gehört eine Imbiß-Unterwegsversorgung der Fahrgäste auf Busreisen nach Paris, zum Gardasee, nach Venedig u.a. in Kooperation mit dem Unternehmen Gruppen-Reise-Service GmbH aus der BRD.“
* wir vermuten, dass Kellner gemeint waren
„Das Hotel Stadt Leipzig hat Geburtstag. Vor 25 Jahren als Touristenhotel eröffnet, gehört es un zu den Vier-Sterne-Hotels der Messestadt. In den vergangenen Jahren bekamen die Hotelhalle ‚Unikat‘, das Restaurant ‚Brogilus‘ und das Spitzenrestaurant ‚Vignette‘ ein neues Gesicht. Seit September ’89 beherbergt das Haus auch ein Fitneßcenter mit Sauna, Solarium, Wirrpool (Massage per Wasserstrahl) und Sportgeräten. Der Hotelgast kann’s gratis genießen, der Stadtgast bezahlt Eintritt und bekommt nach Vorbestellung Zutritt.
In dem Vierteljahrhundert Existenz betteten sich rund drei Millionen Besucher in den 384 Betten des Hotels Stadt Leipzig zur Ruhe. Touristen, Geschäftsleute, Künstler wie jüngst Udo Lindenberg, Politiker wie vor Jahren Helmut Schmidt und Helmut Kohl oder am zurückliegenden Wochenende Klaus von Dohnanyi.
Als Jubiläumsschmeckerchen empfiehlt Küchenchef Achim Liepke den Gästen gekräuterten Lendenzopf mit sächsischer Gemüseumlage. Heute abend nun sind die 310 Beschäftigten des Hotels zu Gast im eigenen Hause, um den ’25.‘ zu feiern. Kulinarisch verwöhnt werden sie dabei von der Fachschule für Gastronomie in der Käthe-Kollwitz-Straße.“
„1963 wurde auf diesem früher vom Geschäftshaus der ADCA** eingenommenen Gelände unter Hinzunahme der benachbarten Grundstücke Richard-Wagner-Straße 3 bis 6 das Interhotel mit Front zum Hauptbahnhof errichtet. Damit wurde die städtebauliche Neuordnung des Gebietes Brühl – Tröndlinring eingeleitet“, heißt es in Waltraud Volks Fachbuch „Historische Plätze und Straßen heute – Leipzig“ (1979). „Das Hotel besteht aus einer großflächigen kompakten Erdgeschoßzone, in der sich u.a. auch das Restaurant und Tanzcafé befinden. Darüber erhebt sich das langgestreckte sechsgeschossige Bettenhaus mit 348*** Ein- und Zweibettzimmern.
… Entworfen wurde das Hotel von den Diplomingenieuren Manfred Böhme, Hans Hönig und Siegfried Kurth (VEB Leipzig-Projekt). … Von der künstlerischen Ausstattung sind im Restaurant die Raumteiler in Intarsienarbeit nach Entwürfen von Prof. Mayer-Foreyt und Gerhard Eichhorn zu erwähnen. Im Aufenthaltsraum hängt ein Gobelin von Prof. Gabriele Meyer-Dennewitz. Der Gestaltung liegt das Thema ‚Leipzig als Buch- und Literaturstadt‘ zugrunde. 1965, zur 800-Jahr-Feier der Stadt, wurde das Hotel eröffnet.“
** Allgemeine Deutsche Creditanstalt, ihr Gebäude wurde 1943 zerstört
*** Zahlendreher oder Erweiterung der Kapazität – die LVZ zählte 384 Betten
Das sehr schöne Buch „Komm, wir gehen in die Stadt“ (2015) weiß, dass die Gastronomie im Stadt Leipzig über 900 Plätze verfügte und das Tanzcafé mit „Meißner Keramikreliefs geschmückt (war), die das Leipziger Stadtbild zeigten“. Die Autoren Herbert und Frank-Uwe Pilz erinnern auch lebhaft ans Stadt Kiew, 168 Gäste passten dort hinein und bekamen „Soljanka, Borschtsch, Wareniki, Bitotschki, Schaschlyk, Kiewer Kotelett und anderes“ aufgetischt. Darum kümmerte sich eine „Mannschaft von 70 Köchen und Kellnern, 50 Lehrlingen und 12 Hilfskräften … Monatlich bewirtete man im Stadt Kiew 50 000 Gäste.“ Trotzdem musste das Restaurant im ukrainischen Stil am 30. Juni 1991 schließen und Anbietern wie Zwiebelchen, Nudelmacher und Nordsee Platz machen.
Wir feierten übrigens im Stadt Kiew Jugendweihe (1983) und im Stadt Leipzig die Zehnte-Klasse-Abschlussfeier (1985), von der aus wir dann nachts völlig an- und aufgeheitert zurück nach Grünau liefen und nicht etwa Straßenbahn fuhren. Die gemeinsame Zeit, die gerade zu Ende gegangen war, sollte noch ein wenig andauern …
Nachtrag: „Die Kleine Bühne„, so schrieb uns Kerstin, „war als Spielstätte für das Bertriebskabarett des VEB S.M. Kirow ‚Die Dusterschützen‘ geschaffen worden. Nach der Notschließung des ‚Kino Lindenfels‘ konnten wenigstens einige Kinosessel dort eine Weiternutzung erleben. Die hier beworbene NEUheit war Wunsch der Kabarettbesucher. Ziemlich zügig war das dann aber leider wieder ‚Geschichte‘, denn die Betriebsschließungen dieser Zeit bezogen sich ja auch auf die Kulturstätten … und ein ‚Chinese‘ zog dort ein.“ Danke, Kerstin! In unserem Beitrag „Wie viele Kneipen?“ vom März 2015 ist das Pekinghaus (heute Quchi) noch zu sehen.

