Rainer aus Beucha besitzt seit seiner Kindheit ein Andenken an den Leipziger Schmiedetag von 1904 und wollte gern mehr über diese Veranstaltung wissen. Im Internet allerdings findet man dazu so gut wie nichts, es sei denn, man heißt wie unser langjähriger Mistreiter Julius und stößt auf einen Artikel aus der Deutschen Tierärztlichen Wochenschrift, S. 586, vom Jahrgang 1906.
Darin steht zu lesen: „Auch die folgende häufig zu machende Beobachtung spricht gegen eine Hufsohlenhebung bei der Belastung. Harborth, welcher uns erzählt, dass die Meinungsverschiedenheit der Tierärzte bezüglich des Hufmechanismus zum 29. Deutschen Schmiedetage in Leipzig zur Sprache gebracht worden ist, beweist u.a. seine Meinung zur Hufmechanik mit der Erscheinung, dass die Ledersohle, wenn sie eine Zeit lang unter dem offenen Eisen am Hufe gelegen hat, nach unten hervorgewölbt ist. In der Tat liegt etwas wahres in seiner Schlussfolgerung: „Würden durch die Hufbeinbeugesehne die inneren Teile (des Hufes d. Ref.) bei der Belastung nach oben gezogen, mithin eine Verengerung des Tragrandes stattfinden, so müsste unbedingt die Ledersohle ihre erste Form behalten, da doch die Polsterung mit der Zeit infolge des Druckes kleiner wird.“
Das ist sehr speziell, enthält aber immerhin eine Erwähnung des von uns gesuchten Ereignisses. Nun wandten wir uns an die Leipziger Handwerkskammer und bekamen von Pressesprecherin Anett Fritzsche einen noch näher am Thema liegenden Beitrag zugeschickt. Er stammt aus dem Buch „Geschichte der Schmiedebewegung“, Bd. 2, Verlag des Zentralverbandes aller in der Schmiederei beschäftigten Personen, 1912, und beschäftigt sich mit der Leipziger Bewegung von 1904, es gab im gleichen Jahre auch eine Cölner Bewegung.
Wir zitieren: „Bereits am 24. April hatten die Leipziger Kollegen an die Innung die Forderung gestellt, einen paritätischen Arbeitsnachweis zu errichten. Die Meister wünschten, dass die Erledigung dieser Frage bis nach der Tagung des 29. Schmiedetages, der am 28. Mai und folgende Tage in Leipzig stattfinden sollte, vertagt würde. Die Kollegen wandten sich aber sofort wieder an die Innung und ersuchten um einen definitiven Bescheid. Darauf antwortete die Innung ablehnend.
Während der Tagung des Schmiedetages nahmen die Kollegen zu der Haltung der Innung Stellung. Sie einigten sich, nunmehr für folgende Forderungen einzutreten: 1. Die Arbeitszeit beträgt täglich 9 1/2 Stunden. 2. Der Mindestlohn beträgt für Ausgelernte bis 1 Jahr nach vollendeter Lehrzeit 35 Pfg., für alle übrigen Gesellen 40 Pfg. pro Stunde. Wer schon mit 40 Pfg. und höher entlohnt wird, erhält 10 Prz. Lohnaufschlag. 3. Ueberstunden dürfen nur im äußersten Notfall gemacht werden und sind mit 30 Proz. Lohnzuschlag zu entschädigen. 4. Die Lohnzahlung muß Sonnabends abends 6 Uhr beendet sein. 5. Anerkennung des Gesellenarbeitsnachweises, Münzgasse 6*.
Mit 114 von 128 abgegebenen Stimmen wurde beschlossen, für diese Forderungen am 30. Mai in den Streik zu treten. Bereits am 3. Juni waren in 46 Werkstätten die Forderungen bewilligt; es arbeiteten in diesen Betrieben 116 Kollegen. 57 Kollegen waren an diesem Tage noch ausständig. Am 4. Juni arbeiteten 156 Kollegen in 55 Betrieben zu den neuen Bedingungen. 31 Kollegen standen noch im Streik.
Am 11. Juni wurde der Leipziger Schmiedestreik für beendet erklärt, weil bereits in 61 Werkstätten 167 Gesellen zu den neuen Bedingungen arbeiteten. Nur neun Gesellen standen noch im Streik. Die Innung erließ am 10. Juni in ihrer Zeitschrift ‚Der Deutsche Schmiedemeister‘ einen Aufruf, in dem die deutschen Schmiedemeister ersucht wurden, alle arbeitslosen Gesellen nach Leipzig zu senden, wo sie dauernde Beschäftigung bei gutem Lohn erhalten könnten.
Der Sieg der Leipziger Kollegen war hauptsächlich der geschickten Ausnutzung der Zeitverhältnisse zu danken. Gönnen wir den Meistern die Freude, einen Aufruf erlassen zu haben, der dem Siege der Gesellen keinen Abbruch getan hat. Der Leiter des Streiks war Gauleiter Otto Peter.“
Eine interessante Geschichte aus dem unmittelbaren Umfeld des Schmiedetages! Jetzt müssten wir nur den Jahrgang 1904 des „Deutschen Schmiedemeisters“ durchblättern; leider konnten wir bislang keine Stelle finden, die diese Zeitschrift aufbewahrt hat. „Der Deutsche Schmiedemeister“ erschien im Verlag von Auslaender & Kühr in Leipzig, Grimmaischer Steinweg 17.
Die nächsten Hinweise kamen aus dem Stadtgeschichtlichen Museum. Marko Kuhn hatte dort zwar nichts zur Veranstaltung von 1904 aufstöbern können, dafür aber Berichte sowie einen Katalog vom dritten Schmiedetag des Vereins selbstständiger Schmiede Deutschlands, welcher am 31. Mai 1878 in Leipzig begann. Die Berichte erschienen seinerzeit im Leipziger Tageblatt und Anzeiger Nr. 152 vom 1. Juni 1878, S. 2943 (Dritte Beilage), bzw. im Leipziger Tageblatt und Anzeiger Nr. 153 vom 2. Juni 1878, S. 2967 (Vierte Beilage). Und hier erfahren wir endlich auch einen, wenngleich nicht den eigentlichen Veranstaltungsort: „Die mit dem Schmiedetag verbundene Ausstellung von Hülfsmaschinen, Werkzeugen und Materialien hat in einem großen Lagerschuppen in Lehmann’s Garten Unterkunft gefunden.“
Wir zitieren ein bisschen weiter: „Eine sehr leistungsfähige Leipziger Fabrik, diejenige der Firma Paul Wilhelmy, Marschnerstraße 77, hat Feldschmieden mit Ventilatoren, Schmiedeherde und eiserne Schleiftröge ausgestellt … Einer der hauptsächlichsten Aussteller ist die Firma Alexander Wacker aus Leipzig, welche theils mit den verschiedenartigsten Artikeln ihres eigenen Geschäfts, theils mit den Fabrikaten der Mannheimer Firma Schenk, Mohr und Elsässer vertreten ist …“ Erwähnt wurden am 1. Juni 1878 außerdem aus unserer Stadt Dünkelberg & Körner, Dietzel & Brügmann, Gustav Mügge, C.A. Geier und P. Engelmann.
Am 2. Juni 1878 lesen wir von zwei Dingen, die uns inzwischen bekannt vorkommen, Nummer 1: „Eine lebhafte Debatte veranlaßte zunächst der Antrag, daß die von den Vereinsmitglieder zu errichtenden Arbeits-Nachweise-Bureaux von den Gesellenherbergen getrennt werden sollen. Die Vertheidiger des Antrages verwiesen auf die üblen Erfahrungen, welche mit den Bureaux, wenn sie in den Herbergen untergebracht waren, gemacht worden, insbesondere auf die unangemessene Behandlung, welcher häufig die Arbeitgeber in den Herbergen ausgesetzt gewesen; während die Gegner des Antrages befürchteten, daß damit Oel ins Feuer gegossen und das Verhältniß der Meister zu den Gesellen gereizter werden würde. Der Antrag, die Arbeitsnachweise-Bureaux von den Herbergen zu trennen, wurde schließlich mit 28 gegen 20 Stimmen angenommen.“
Und Nummer 2: „Einen interessanten Theil der Ausstellung von Werkzeugen, Hülfsmaschinen und Materialien in Lehmann’s Garten bilden die Abtheilungen für Hufbeschlag. Die Firma Zenker in Görlitz, welche auf einer Reihe von Ausstellungen prämiirt worden (ist), führt vor Augen wie der Hufschlag sein und wie er nicht sein soll. Die betreffenden Eisen sind für die verschiedenartigsten Pferdefüße eingerichtet, und man kann auf dem schlecht aufgeschlagen gewesenen Eisen deutlich sehen, welche Qualen dadurch den Pferden bereitet sein mögen. Goetjes & Kästner** in Plagwitz haben Hufeisen ihrer renommirten Fabrik, G.A. Kästner in Plagwitz, patentirte Hufschoner und Hufeisen von vortrefflicher Beschaffenheit ausgestellt …“
Die Anzeige für die Ausstellung im Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 2. Juni 1878 verwendet den Begriff Feuerarbeiter und präzisiert den Ort in Lehamnns Garten mit der Angabe „bei der Reitbahn“, während der Katalog zu Ausstellung weitere betriebliche Adressangaben bereithält, z.B. Carl Leistner aus der Sophienstraße 27, welcher „Handwerkszeug für Feuerarbeiter“ feilbot, sowie Düngelberg & Körner (hier mit g; Stahlgeschäft) – Bahnhofstraße 19, P. Engelmann (Wagen=Federn für Last= und Luxuswagen) – Eutritzscher Straße, C.A. Geier (Eisen=, Metall= und Gußwaaren-Handlung) – Nordstraße 28 und Gustav Ruhl (Depot) – Markt 17, Hof.
* siehe unseren Beitrag „Fachkräfte in der Münzgasse“ (April 2017), auch wenn es da um die Hausnummer 24 geht
** im Katalog Goetges & Kästner geschrieben
Herzlichen Dank an alle, die uns geholfen haben!
Zum Aufmacherbild: Die Schmiedestraße in Plagwitz wurde laut leipzig.de benannt „nach der Schmiede, die Carl Erdmann Heine gehörte (siehe auch Karl-Heine-Platz)“. Und bei Karl-Heine-Platz steht u.a. „Heine erwarb Land und Höfe, errichtete an der heutigen Zschocherschen Straße ein Mustergut, eine Ziegelei (Ziegelstraße) und eine Schmiede.“

