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Susi warte Lämmi

Susi warte Lämmi

„Als die Prager Straße noch Leninstraße hieß, prangte an der Straßenbahnhaltestelle Johannisfriedhof an selbiger Friedhofsmauer der Satz ‚Susi warte Lämmi‘. Vermutlich mit breitem Pinsel und Latexfarbe weithin sichtbar angeschrieben. Der Schriftzug ist vor 438 Ewigkeiten verschwunden, wer Susi, wer Lämmi war, wurde nie aufgeklärt und Straßenbahnpassagiere der Linie 15 von oder nach Probstheida auch nie als Zeugen oder sonstwer nach ’sachdienlichen Hinweisen‘ befragt. Bemerkenswert ist, dass der aufgemalte Spruch lange zu sehen war, er nicht getilgt, sondern geduldet wurde. Er geht mir auch mehr als 35 Jahre nach dem Ende der Leninstraße nicht aus dem Kopf.“

Das schrieb uns Tim und weckte damit verschüttete Erinnerungen, gingen wir doch in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre in die Berufsschule der Polygraphen dort gleich um die Ecke. Irgendwie glauben wir, die drei Worte von damals zu kennen. Allerdings haben sie uns seinerzeit nicht über Gebühr beschäftigt. Heute fragen wir uns dank Tim: Worauf sollte Susi warten? Darauf, dass Lämmi seine Haftstrafe abgesessen hat, vom Grundwehrdienst zurückkehrt oder sich von seiner Ehefrau trennt? Weiterhin wüssten wir gern: Wohnte Susi im Seeburgviertel oder ging sie vielleicht wie wir auf die Gutenberg- bzw. Grotewohlschule? Hieß Lämmi mit Nachnamen Lämmerhirt, Schaf oder war er möglicherweise ein Motörhead-Fan?

Spaßeshalber googelten wir die Wortkombination und landeten auf der Seite des Bundesarchivs. Unter der Überschrift Schmierereien waren da verschiedene Fotografien aus Leipzig aufgelistet, welche einst die emsigen Inlandsgeheimdienstler der DDR („Kreisdienststelle Leipzig-Stadt, MfS-Bezirksverwaltung Leipzig“) aufgenommen hatten. Der Ordner enthält Schwarzweiß-Negative „von an Wände oder Fenster gemalten, geschriebenen oder geklebten Sprüchen und Losungen“. Die allermeisten davon waren politisch, was wir bei „Susi warte Lämmi“ nicht vermuten. Wahrscheinlich wurde das Ur-Graffiti deshalb längere Zeit geduldet.

Der große Clou wäre, wenn sich die echten Susi und Lämmi bei uns melden würden (nur ernstgemeinte Zuschriften). Der kleine Clou ist ein Kinderbuch aus dem Jahr 1993, es trägt den Titel „Menke Kenke – Gedichte an Kinder“, stammt von Walther Petri, illustriert von Gisela Neumann, erschienen im Verlag Faber & Faber. Und in diesem Buch wird der Spruch wortwörtlich erwähnt: „Susi warte Lämmi“. Unglaublich!

Herzlichen Dank an Tim und an die Leute vom Bundesarchiv!