Bücher Leute

Auf einer Eisscholle zum Monte Cervantes

Leopold Wächtler

Am 30. Oktober 1896 – also vor 130 Jahren – wurde Leopold Wächtler in Penig geboren. Von 1921 an bis zu seinem Tod im Jahr 1988 lebte der Künstler in Leipzig. 2021 war er wiederentdeckt worden – in Penig, an seinem Geburtshaus brachte man eine Gedenkstafel an. 2024 bekommt der mittlerweile in Leipzig wohnende Heimatforscher Michael Etzold in seinem engeren „Einsatzgebiet“, dem Altenburger Land, von einer älteren Dame eine Tüte mit vergilbten Papieren.

Die Frau war die Tochter von Albert Pippig, der gemeinsam mit Leopold Wächtler von 1911 bis 1916 das Waldenburger Lehrerseminar besuchte. Die ganze Truppe hielt nach dem Abschluss Kontakt, schrieb sich „Klassenbriefe“ und traf sich regelmäßig. Die Unterlagen aus der Papiertüte lassen die einstigen Seminaristen wieder lebendig werden, vor allem aber Leopold „Pinscher“ Wächtler, dessen Wirken Michael Etzold nach und nach erforschte.

Leopold Wächtler arbeitet seit 1917 als Lehrer und gibt hauptsächlich Zeichenunterricht, seit 1921 ist er in Leipzig und zunächst an der 14. Volksschule nahe der Eisenbahnstraße beschäftigt, nebenbei besucht er den HGB-Vorläufer Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe und dort die Aktklasse von Prof. Bruno Héroux. Der junge Mann aus Penig wohnt erst in der Friedrich-List- und dann in der Kohlgartenstraße, 1923 heiratet er die Leipziger Lehrerin Magdalene Freytag.

1928 fährt das reiselustige Paar mit der Monte Cervantes von Hamburg nach Norwegen, bei Spitzbergen wird das Schiff von einer Eisscholle beschädigt, sinkt aber im Gegensatz zur Titanic nicht. Man bringt die Passagiere an Land, ein russischer Eisbrecher eilt zu Hilfe, das Leck wird repariert. Leopold Wächtler berichtet seinen Klassenkameraden ausführlich und sehr unterhaltsam davon.

Auf dieser Reise entstand auch das auffällige Foto, welches Michael Etzold für den Titel seines 2025 im Eigenverlag erschienenen Leopold-Wächtler-Buches wählte. Der Lehrer-Künstler steht auf einer Eisscholle und möchte so „zum Monte Cervantes fahren (am Horizont links)“.

Von 1929 an wohnen Magdalene und Leopold in der Kleistraße 13, ab 1930 unterrichtet Wächtler an der 33. Volksschule, der heutigen 33. Grundschule. 1931 nimmt er an der 1. Großen Leipziger Kunstausstellung im Grassimuseum teil. Das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg übersteht er unbelastet. 1945 wird der Zeichenlehrer Leiter der 33. Schule, aber kurz nach der von ihm organisierten Instandsetzung des Gebäudes an die in Trümmern liegende 11. Schule in Mockau delegiert.

Noch einmal setzt er nichts instand, sondern lässt sich beurlauben, um sich als Künstler selbständig zu machen – wenige Monate nach dem Ende des Krieges. Leopold Wächtler fertigt bis in die 1960er Jahre hinein vor allem Porträts für Bücher, Kalender und Zeitungen, später Gemälde unter seinem Namen und unter dem Pseudonym Leo Wendland.

Michael Etzold treibt Unmengen Material dazu auf und ordnet das Geschehen jeweils in die Zeit- und Stadtgeschichte ein. In nur einem Jahr Arbeit entsteht die umfangreiche Biografie eines sehr produktiven Leipziger Künstlers (den kaum einer mehr kennt), dank der ausführlich zitierten Klassenbriefe eingebettet in die Lebensläufe seiner Mitschüler.

Und Michael Etzold findet u.a. auch die alte 11. Schule in der heutigen Rosenowstraße, der Bau ging in den 1950er Jahren als Verwaltungsgebäude an den VEB Eisenbau. Es gibt ihn noch und auch einen Farbdruck Wächtlers, der ihn in Trümmern zeigt und im Stadtgeschichtlichen Museum aufbewahrt wird. Die neue 11. Schule entstand an der Kreuzung von Bertha- und Grunerstraße (POS „Bruno Schönlank“) und wird mittlerweile als Waldorfschule genutzt.

Wir erfahren überdies von spezialisierten Publikationen wie der Balder-Presse aus dem Gohliser Franz Brosig Verlag und dass Leopold Wächtler in den 1960er bis 1980er Jahren seine Werke u.a. über das Leisten-, Rahmen- und Spiegelgeschäft Richter & Knoth in der Hainstraße 14 vertrieb. Dort tauchte nach Angaben der kunstsinnigen Leipziger Familie Wenzel immer mal wieder ein gut angezogener älterer Herr mit ein, zwei Bildern unter dem Arm auf, ein Mann, der kein Aufsehen erregen wollte.

„Die Stadt Leipzig“, so Michael Etzold, „vereint zwar große Teile seines Schaffenswerkes in öffentlicher Hand (Stadtgeschichtliches Museum und Deutsches Bücher- und Schriftenmuseum), erinnert aber nirgends an ihn. Mein Bestreben als Autor war und ist, dieses zu ändern und Leopold Wächtler den Platz in der Geschichte Leipzigs zu geben, den er verdient.“

siehe zu Michael auch unseren Beitrag „Neues vom alten Gellert“ (Februar 2026)