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Das ist nicht Götz George

Das ist nicht Götz George

Hatte man in den 1980er Jahren schon das Gefühl, bunte Giebel machten Stadtspaziergänge interessanter, so trifft das auf die vergangenen zehn Jahre erst recht zu. In allen vier Himmelsrichtungen gibt es alte und neue Wandbilder zu entdecken, manche sind mittlerweile in Touristenführern zu finden, wie die Persilfrau in der Zschocherschen oder die Feinkostfamilie in der Karl-Liebknecht-Straße, andere verstecken sich in Seitenstraßen oder verschwinden nach und nach hinter Bäumen, Graffiti oder davorgebauten Häusern.

Die Betrachter werden mit Stadtgeschichte, Schicksalen und Überraschendem konfrontiert, einiges erschließt sich durch Aufmerksamkeit, aber selbstverständlich nicht alles. Warum zum Beispiel wird an die Gründung der Leipziger Universität in der Georg-Schumann-Straße erinnert? Was macht Götz George an einem Giebel im Süden der Stadt? Wieso hat die auf den ersten Blick fröhlich wirkende Wand in der Erich-Köhn-Straße einen traurigen Hintergrund? Wofür stehen Hund und Katze in der Prager Straße und wer holte die Heilige Katharina in die Lützner Straße?

Die Darstellung der Prag verlassenden deutschen Studenten und die daraus resultierende Gründung der hiesigen Universität im Jahr 1409 verdanken wir einer Zusammenarbeit von Graffitiverein und dem Institut für Kunstpädagogik der Uni Leipzig. Anlässlich der 2015 abgehaltenen Tausendjahrfeier unserer Stadt hatte der Graffitiverein, bestehend aus ehemaligen Kunstpädagogik-Studenten, das Projekt „Stadtmaler“ ins Leben rufen können. Das erste Motiv dieses Projekts widmete sich der Gründung der Stadt und ist in der Riemannstraße kurz vorm Bayrischen Platz zu sehen, das zweite ist das besagte von der Gründung der Universität und wurde 2016 umgesetzt.

Seitdem in der Georg-Schumann-Straße sofort zu erkennen sind die Prager Karlsbrücke sowie das Neue Augusteum der Leipziger Universität und deren vorheriges Wahrzeichen, der Uniriese. Prof. Dr. Ines Seumel vom Institut für Kunstpädagogik erinnert sich noch gut und hat Fotos und Dokumente dazu aufbewahrt. Zehn Studierende – „Leute, die Lust hatten, was Großes zu machen“ – waren seitens des Instituts beteiligt, den Giebel hatte die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) zur Verfügung gestellt; so erklärt sich der universitätsferne Standort des Bildes.

Wie erklärt sich der vermeintliche Fernsehkommissar Horst Schimanski am Haus Gersterstraße 48, zu sehen von der Bornaischen Straße aus? Gar nicht! Denn das Wandbild zeigt nicht etwa den populären Schimanski-Darsteller Götz George oder seinen Leipziger Schauspielerkollegen Fred Delmare, wie aufgrund des markanten Gesichts auch zu vermuten wäre, sondern Prof. Horst Sahlmann, den Gründer des hiesigen Unternehmens S&P, Sahlmann und Partner. Und doch ist es kein Werbebild.

Die Wohnungsbau-Genossenschaft Kontakt, der das Gebäude gehört, war 1995 auf der Suche nach einem „angenehmen älteren Gesicht“, erklärt Rainer Löhnert, seinerzeit Vorstand der Kontakt. Eine Künstlergruppe aus Leipzigs Partnerstadt Lyon hatte eine Giebelbemalung vorgeschlagen und als Motiv einen Großvater, der seiner Enkelin, vor einer Fantasielandschaft sitzend, aus einem Buch vorliest. Nun brauchte man ein geeignetes Modell. Rainer Löhnert fiel „niemand geeigneterer“ als Horst Sahlmann ein; beide hatten damals geschäftlich viel miteinander zu tun, die Wohnungsbau-Genossenschaft engen Kontakt zu S&P.

Die Franzosen von Cité de la Création brachten das Bild gemeinsam mit Mietern der umliegenden Häuser und sogar gemeinsam mit Rainer Löhnert an die Wand. Dass es bis heute unbeschädigt blieb, zeugt von großer Akzeptanz.

In der Prager Straße, nah am Stadion des Fußballclubs Lokomotive Leipzig, stehen sich zwei Giebel, getrennt durch eine kleine Grünfläche, frontal gegenüber – wie gemacht für Hund und Katze. Die Tiere wurden Ende der Siebziger von Jutta Hellgrewe und Bernd Sikora an die Wände gemalt, als Symbolbilder für die beiden Vereine Lokomotive bzw. Chemie Leipzig, deren Anhänger sich seit Jahrzehnten nicht mögen. Der Hund trägt einen blaugelben Schal, die Katze ursprünglich einen grünweißen.

Bernd Sikora erläutert: „Hund und Katze wurden 1987/88 von uns politisch ummotiviert – der Hund ist noch friedlich, die Katze (nun) ein Sinnbild für Erich Mielke und seine Dynamo-Manipulationen gegen Lok Leipzig. Das Treppenhaus dahinter ist die fensterlose DDR mit Treppen ohne Geländern.“ Der Lieblingsverein von Staatssicherheits-Chef Mielke, der Berliner FC Dynamo, war im letzten Jahrzehnt der DDR Serienmeister, was alle anderen Fußballfreunde im Land für „Schiebung“ hielten.

An der Rückseite eines Hauses in der Erich-Köhn-Straße lebt der jung und überraschend verstorbene Grafiker und Illustrator Ralph Niese (1983-2020) weiter. An seinem zweiten Todestag im November 2022 hatten Freunde und Kollegen ihm zu Ehren ein Wandbild fertiggestellt, das einen schwarzweißen Ralph Niese inmitten von ihm erdachter farbiger Figuren zeigt. Der Leipziger war im Stadtteil Grünau aufgewachsen, hatte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert und es bis zum international anerkannten Comic-Künstler gebracht.

Das Erinnerungskunstwerk konzipierte und koordinierte das Dresdner Kreativstudio Concrete Candy, welches Wände sprechen lassen möchte („Make walls talk!“) und für sich beansprucht, „das historische Handwerk der handgemalten Werbung in Deutschland wiederbelebt“ zu haben.

Doppeldenk wiederum ist eine Künstlergruppe, die sich 2007 in Leipzig zusammenfand und unter anderem Fassaden bemalt. Von ihr stammen zum Beispiel die faszinierend geometrischen Tiere an der Ecke von Karl-Liebknecht- und Braustraße („Mutter Erde“, 2017) sowie „Die Heilige Katharina (reitet den Leipziger Löwen)“ in der Lützner Straße.

Doppeldenk erklären ihr 2014/15 entstandenes Motiv so: „Im Zuge der Sanierung einer ehemaligen Trikotagenfabrik … war es unsere Aufgabe, eine Fassade und den Zaun des angrenzenden Gartens zu gestalten. Als Reminiszenz zur vorherigen Gebäudenutzung wurde ein Wandbild entworfen, welches auf die historische Verwendung und das Stadtwappen Bezug nimmt.“ Katharina gilt als Schutzheilige der Näherinnen und Schneiderinnen. Ohne diese Erläuterung glaubt man, eine Zirkusszene zu sehen oder die Sequenz einer fantasievollen Abenteuergeschichte.

Möchte man Giebel bemalen oder bemalen lassen, sollte man nicht einfach zur Tat schreiten, sondern sich mit dem Amt für Bauordnung und Denkmalpflege der Stadt Leipzig in Verbindung setzen. Zuerst wird geprüft, ob es sich um Werbung handelt oder um Kunst, anschließend muss dann in beiden Fällen ein Antragsformular ausgefüllt und eine farbige Bauzeichnung eingereicht werden. Die Einverständniserklärung des Gebäude- bzw. Grundstückseigentümers darf für eine Genehmigung der neuen bunten Wand ebenfalls nicht fehlen.

siehe auch unsere Serie „Leipziger Giebel“ (fünf Teile)