Nachdem wir in Teil 1 bis 1878 gekommen sind, setzen wir die Geschichte des Hauses Bleichert nun bis 1908 fort. Dafür zitieren wir weiter aus dem Prachtband, der anlässlich der Inbetriebnahme der neuen Fabrikanlagen in Gohlis erschienen ist. Die damals zur Produktion von Drahtseilbahnen genutzten Werke werden heute bewohnt, man kann sie z.B. von der Lützow- und der Wilhelm-Sammet-Straße aus betreten und drinnen herumlaufen. 2014/15 fotografierten wir durch die kaputten Fenster in die alten Hallen hinein, heute schauen wir u.a. in die neu geschaffenen Innenhöfe voller Balkons. Optisch gefallen uns die Bleichertwerke nach wie vor sehr gut, würden sie noch produzieren und in alle Welt exportieren, wäre das noch besser.
„Bald aber wurden der Firma die Räume in der Humboldtstraße zu eng, und Bleichert mußte darauf sehen, mit seiner Fabrikation auf ein umfangreicheres Grundstück zu gehen, das er in der Nähe des Magdeburger Eisenbahndammes zu Gohlis an der damaligen Feldstraße fand. Am 1. Oktober 1881 fand die Übersiedelung in das neue Fabrikgebäude statt, in dem der Betrieb mit etwa siebzig Arbeitern und zwanzig Beamten eröffnet wurde und mit dessen Einweihung gleichzeitig eine Feier aus Anlaß der hundertsten von der Firma erbauten Drahtseilbahn verbunden werden konnte.
Mit der Übersiedelung nach dem neuen Fabrikgebäude wurde gleichzeitig die Firma in die heutige ‚Adolf Bleichert & Co.‘ abgeändert. (…)
Am 1. Juni 1899 konnte das viertelhundertjährige Bestehen der Fabrik gefeiert werden, und zwar fiel dieser Tag annähernd zusammen mit dem Bau der 1000. Drahtseilbahn, einer Anlage von mehreren Kilometern Länge und sehr großer Leistung zur Verbindung der Nickelerzgruben auf Neukaledonien mit der Küste am Hafenplatz Thio … Mit der Jubiläumsfeier verband sich außerdem die Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes der Fabrik. (…)
Leider sollte das Jahr 1901 … für das Bleichert’sche Haus ein unglückliches werden. Adolf Bleichert wurde, nachdem seine Gesundheit infolge Überarbeitung und geistiger Überanstrengung seit längerer Zeit untergraben war, auf ein schweres Krankenlager geworfen, von welchem er sich nicht wieder erheben sollte. … am 29. Juli 1901 … schloß Adolf Bleichert die Augen für immer … (…)
An die Spitze der Firma traten nunmehr die beiden ältesten Söhne des Verstorbenen, Max und Paul Bleichert, von denen der eine die technische, der andere die kaufmännische Leitung übernahm. (…)
Angeregt durch Beobachtungen, die Max Bleichert während seines Aufenthaltes in den Industriezentren der Vereinigten Staaaten von Nordamerika gemacht hatte, unternahm es nun die Firma, im Jahre 1902 die Elektrizität auch ihrem Fabrikationsgebiete dienstbar zu machen, und es wurde ein neues Transportmittel, das den Namen ‚Elektrohängebahn‘ erhielt, geschaffen. Nach zirka einjährigen stillen angestrengten Arbeiten und Studien konnte man mit dem neuen Transportsystem an die Öffentlichkeit treten, und der Erfolg war ein derartig großer, daß schleunigst eine umfangreiche neue Abteilung eingerichtet weden mußte. Zu dem Drahtseilbahnbau und dem Bau von Kranen und Verladevorrichtungen, der ebenfalls schon bedeutende Erfolge aufzuweisen hatte, kam ein drittes unabhängiges Fabrikationgebiet hinzu. War im Jahre der Einführung, 1903, nur eine einzige Elektrohängebahn zur Ausführung gekommen, so brachte das Jahr 1904 schon 10 weitere Aufträge, die sich im Jahre 1905 auf 26 erhöhten, während im Jahre 1907 die Auftragsziffer schon weit über 100 betrug. (…)
Einer der größten technischen Erfolge der letzten Jahre war der Bau der Drahtseilbahn in den argentinischen Kordilleren, die bei 35 km Länge mit einer Steigung von 3400 Metern nahezu die Höhe des Montblanc erreicht. Die Bahn, deren Bau durch das wild zerrissene Gebirge hindurch mit den größten Schwierigkeiten verknüpft war, wurde im Jahre 1903 bestellt und am 1. Januar 1905 dem Betriebe übergeben. Hieran reiht sich als ein Werk, das ebenfalls das Interesse weiterer Kreise auf sich gelenkt hat, die große Erzverladeanlage bei Thio in der französischen Kolonie Neukaledonien.“
Auf Seite 71 in Hans-Werners Exemplar entdeckten wir eine handschriftliche Notiz an einem Foto und vermuten, dass dieser Gottfried Thomare (?) der Erstbesitzer des Prachtbandes gewesen ist.
Auf der Familien-Internetseite www.vonbleichert.eu wiederum sind Fotos von Adolf, Max und Paul Bleichert zu sehen, außerdem Bilder ihrer Frauen und Verwandten sowie eine Aufstellung der Villen der Familie Bleichert, vier davon befanden sich in Leipzig (Lützowstraße 19, Blumenstraße 72, Kleiststraße 11 und Rosentalgasse 17), eine in Klinga bei Naunhof und die sechste schließlich in Zürich.
Die Gohliser Bleichertwerke – Eutritzscher gab es ab den 1920er Jahren ebenfalls – wurden 2008 von Christoph Gröners CG-Gruppe gekauft und im September 2021 als Wohnanlage fertiggestellt.
Herzlichen Dank an Hans-Werner!
siehe auch unseren Beitrag „Von Gohlis nach Australien“ (Mai 2018)

