Vor 100 Jahren veröffentlichte Carl Max Taubenheim die Jubiläumsschrift der Ruder-Gesellschaft Wiking, die 1919 „durch Zusammenschluß des Leipziger Ruder-Clubs Germania von 1866 und des Leipziger Ruder-Vereins von 1876“ entstanden war. Anlässlich der 60 bzw. 50 Jahre, auf die die Vorgänger zurückblicken konnten, vertiefte sich Taubenheim in die „Geschichte einer Sportgemeinde“, in die Geschichte der Leipziger Ruderer.
Schon die ersten Sätze begeistern uns: „Der Leipziger neigt zur Schwärmerei und hat, wenn er sich aufs Wasser begibt, eine starke Einbildungskraft. Wenn er Sonntags an der Heiligen Brücke in einen der großen Fischerkähne steigt, die ein geschickter Unternehmer in Motorboote verwandelt hat, so stellt er sich eine Seereise vor. … Der ‚ferne Strand‘ … ist das nur 2000 Meter entfernte Schleußig.“
In den 1850er und 1860er Jahren tummelten sich zuerst die Leipziger Elsterflotte und dann der Leipziger Lloyd, jeweils als Dachverbände, auf den hiesigen Gewässern, eine Einladung zum fünften Flottenfest am 1. September 1860 im Forsthaus zum Kuhturm ist in Taubenheims Buch abgedruckt sowie die Erinnerung des Ruderveterans August „Vater“ Voigt: „Die Abfahrt erfolgte meist von der Kleinen Funkenburg aus. Voran ein Fischerkahn mit Musik, dann die Boote … beflaggt und bekränzt. So fuhr die Flotte einmal jährlich zum Kuhturm, wo Feuerwerk und Tanz die Feier beschloß.“
Es gab sogar einen Admiral – Carl Eißner – und neben dem großen jährlichen Fest wöchentliche Ausfahrten, meist nach Plagwitz in die Gastwirtschaft „Zum Dampfschiff“. 1862 kam der sächsische König Johann nach Leipzig und ließ sich von Karl Heine den begonnenen Elster-Saale-Kanal, den jetzigen Karl-Heine-Kanal, zeigen, eingeweiht wurde bei der Gelegenheit die heute noch existierende König-Johann-Brücke. Zurück von dort bis zur Heiligen Brücke ging es für Majestät, Heine und die Leipziger Ruderer per Kahn auf dem Wasser.
Mitte der 1880er, so lesen wir, sei der „Lloyd schlafen gegangen“, seine Mitglieder hatten für „Geselligkeit, Freude und schöne Feste“ gelebt, von „anstrengendem, regelmäßigem, geschweige sportlichem Rudern“ wollten sie nichts wissen. „Eine neue Zeit brach an und fand beim alten Lloyd kein Verständnis“, schreibt Taubenheim. 1884 fand die erste Regatta in Leipzig statt, auf der Elster zwischen der Karlbrücke und dem Abzweig der Luppe, 1885 die zweite. 1886 wurde der Wunsch, an der Heiligen Brücke ein Bootshaus zu errichten, laut und bereits 1887 konnte es bezogen werden.
Viele Vereine werden erwähnt, u.a. Windsbraut, Sturmvogel oder der Familien-Ruder-Club Blüthner (passenderweise befindet sich die Blüthnervilla heute am Stadthafen), es gab rivalisierende Pleißen- und Elstervereine sowie den Streit zwischen Ruderern und Fischern. Letztere sahen sich durch das Befahren der Gewässer in ihrem Fischereirecht beeinträchtigt und forderten z.B. 1889 in einem Rundschreiben von den Flussnutzern pro Jahr und Boot 30 Mark, zu zahlen an die Fischer-Innung. Erst 1912, als die Stadt Leipzig die letzten acht Fischermeister entschädigte und das Fischereirecht an die Kommune überging, war das Problem aus der Welt geschafft.
Das Hochflutbecken (heute: Elsterbecken) galt ab 1923/24 als ideale Regattastrecke mit dem Potenzial, Leipzig zum Zentrum des deutschen Rudersports zu machen: „Mit steigendem Erfolg veranstaltete der Regatta-Verein 1924, 1925 und 1926 Ruder-Regatten … Die Vollendung der noch im Bau befindlichen Tribüne und eines großen Bootshauses, verbunden mit vorbildlichen Regattaeinrichtungen, müssen mit der Zeit Leipzig zu einem ersten Platz für Ruder-Wettfahrten machen.“
Und weiter: „Wo ist die Strecke, die sich mit der Leipziger messen kann, in jeder Hinsicht einwandfrei ist und daher allein einwandfreie Rennen erlaubt? Wo ist noch einmal eine, noch dazu so landschaftlich schöne, inmitten einer Großstadt, in wenigen Minuten vom Stadtinnern zu erreichen? Und die 6 Booten breiten Raum gewährt! Nach diesen Vorzügen hofft Leipzig doch bald einmal die Meisterschaft auf seinem Hochflutbecken ausfahren zu sehen!“
Gegenwärtig rudern drei Vereine auf Leipziger Wasserläufen, der SC DHfK am Elster-Saale-Kanal in Burghausen, der Akademische Ruderverein an der Heiligen Brücke (wird am 26.11.2026 hundert Jahre alt) und auf der Elster an der Antonienstraße der Ruderverein Triton 1893 (Abrudern am 31.10.2026 – ganztägig), welcher in der Wiking-Chronik seltsamerweise nicht erwähnt wird.

