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„Einsam, arm und voller Stacheln“

Einsam, arm und voller Stacheln

25 Jahre nach seinem Debüt mit dem im Fünf Finger Ferlag erschienenen Buch „Die schönen Verlierer sind noch da“ bringt die Edition Outbird nun Volly Tanners neuesten Streich heraus, „Narr unter Nattern“. Die offizielle Buchpremiere wird am 23. November 2026 beim „Durstigen Pegasus“ in der Moritzbastei gefeiert, einer Veranstaltungsreihe, die Volly lange selbst moderiert hat. Zuvor gibt es aber auch schon Lesungen im Laden auf Zeit (Theater Pack, Kohlgartenstraße 51), in Weißenfels sowie in Zeitz.

Welcher literarischen Gattung ordnest Du selbst Dein Buch zu, autobiografisch-fiktionale Reportage einer Reise durch Gedankenwelten zum Beispiel?

Darüber habe ich mir wirklich noch keine Gedanken gemacht. Ich selbst bin ja eher jemand, der der Schubladisierung der Literatur äußerst skeptisch gegenübersteht. Sobald irgendwer in irgendeiner Sendung oder in einem Artikel meint, man müsse so und so schreiben, bekomme ich die große Flatter und lege den Beitrag weg oder schalte aus. Wer hat denn das Recht, zu bestimmen, wie Literatur sein soll? Ich schreibe, andere Menschen lesen. Wenn wir zusammen kommen ist alles gut. Wenn nicht, bricht auch kein Krieg aus.

Da ich schon etwas gelebt habe auf dieser Erde habe ich dementsprechend etwas mehr gelesen als so manches junge literarische oder journalistische Talent, habe also auch mehr Literatur eingesogen. Daran entwickelte sich mein Stil. Im Buch ist, da liegst Du schon recht nahe an der Wahrheit, wirklich viel Tanner, jedoch nicht so, dass die Shitstürmer dieses Planeten mir einen Strick draus drehen können … die können es ja gern versuchen … ich habe noch einige Antworten für diese neue Spezies in petto. Die werden staunen.

Du triffst ja eine Menge Leute in „Narr unter Nattern“, unter anderem Kommissar Schimanski, dessen Assistant bekanntlich Thanner hieß, den Gymnastik-Rocker Iggy Pop oder Lord Byron. Haben sie und die anderen Dich kulturell beeinflusst?

Beim Kommissar habe ich Dich aber schön aufs Glatteis geschoben. Aber fein, dass Dir da der Grantler aus dem Ruhrpott einfällt. Mein Schimanski ist jedoch aus dem Werk des großen Autoren Gerhard Branstner entnommen, dem ich in diesem Buch hin und wieder einige Gedanken widme, da mir scheint, dass sein faszinierendes Denken in Vergessenheit gerät.

Mich hat viel Literatur, aber auch Musik und Film, Comic-Kunst, Schauspiel oder Philosophie beeinflusst. Jeder Tag, an dem ich etwas Neues, etwas Bedenkenswertes entdecke, ist ein guter Tag für meine Menschwerdung. Schlussendlich geht es immer darum, im Sinne Kants, der fremd- und eigenbestimmten Unmündigkeit nach und nach zu entgehen. Gymnastik-Rocker ist ein guter Begriff für Iggy, den muss ich mir merken.

Oh?! Schimanski und T(h)anner – das war so passend und doch ein Trugschluss. Utopien und, wie Du schon sagtest, philosophische Ideen scheinen Dich zu faszinieren. Hast Du die Hoffnung, dass es besser wird?

Absolut. Ich bin mir sicher. Ich versuche da, auch in meiner Literatur, eine Lösung anzubieten. Zuerst ist da immer dieser Zweifel. Was steckt dahinter? Wer hat Interesse daran, dass ich so bin, wie ich bin? Wer sorgt dafür, dass wir alle so verwundet sind, so irrsinnig erschöpft? Und warum? Und wie? Und dann, nach all den Fragen und möglichst vielen unterschiedlichen Antworten darauf, kann ich für mich und mein Umfeld eigenverantwortlich entscheiden, wie ich damit umgehe. Das funktioniert natürlich nicht immer, jedoch immer öfter. Es muss aber auch nicht immer funktionieren. Utopie ist Nirgendsland.

Stichwort Land: Du bist mit Deiner Familie vor nicht allzu langer Zeit aufs Land gezogen, so richtig mit Hühnern und Obst- und Gemüseanbau. Ist es dort besser, schöner, erholsamer?

Es ist in den meisten Fällen zuallererst einmal autarker. Unsere Kinder und auch wir verblühten in der Stadt, wir waren Getriebene. Die Reizüberflutung, der Dreck, das Leid der Menschen – all dies fühlte ich körperlich. Ich glaube, dass viele Entwicklungen in Leipzig krank machen. Gerade die permanente Geräuschkulisse ist für mich sehr schwierig zu ertragen gewesen.

Hier auf dem Land lernten wir beeindruckend schnell, dass man mit allen Menschen auskommen sollte. Uns wurde sehr viel Gastfreundschaft entgegengebracht, wir wurden wirklich mit offenen Armen empfangen. Einander zu helfen, ohne daraus Kapital schlagen zu wollen – moralisch sowie pekuniär – finde ich wirklich großartig. Auf dem Land gibt es eine Welt mit anderen Erfahrungen als in Leipzig. Das soll überhaupt nicht wertend gemeint sein. Man hat mehr Zeit, man kann sein Leben eigenständiger gestalten, Trends und Hypes landen in der Regel hier sehr spät oder überhaupt nicht. Andere Menschen machen hier Urlaub, wir dürfen das das ganze Jahr leben.

Auch für meine Arbeit war der Perspektivwechsel sehr fruchtbar. In Leipzig gab es eine Phase, in der irgendwie jeder Mensch schrieb und auftrat. Das war zwar sehr berauschend, brachte aber auch Zwänge auf. Und viele der akademisierten Diskurse sind mir mittlerweile einfach völlig egal. Ich habe nichts damit zu tun und ich möchte auch nichts damit zu tun haben. Da bin ich wahrscheinlich noch der Oldschool-Schriftsteller – einsam, arm und voller Stacheln.

Termine:

15.10.2026: „Schöne Bücher“ im Laden auf Zeit, Leipzig
10.11.2026: „Narr unter Nattern“ im Café Marché 15, Weißenfels
14.11.2026: „Bibo-Theken-Nacht“ in der Alten Stadtbibliothek Zeitz mit Bobo von Bobo in White Wooden Houses
23.11.2026: Buchpremiere in der Moritzbastei, Leipzig